Fragen an die Autorin

Wie gut kennst Du Deine Romanfiguren?

Weißt Du zum Beispiel, wann sie Geburtstag haben oder was sie am liebsten essen?

 

Nicholas und Rebecca kenne ich fast wie mich selbst, da ich in den unterschiedlichsten Lebenssituationen an ihren Gedanken und Gefühlen teilhaben durfte. Ihr Innenleben ist mir daher sehr vertraut.

Nicholas ist am 3. Juni 1861,

Rebecca am 15.September 1842 geboren.

Nicholas’ Lieblingsspeise sollte dem aufmerksamen Leser doch hoffentlich nicht entgangen sein? Es ist natürlich der Rhubarb Crumble mit Custard Cream (zu Deutsch: Rhabarber-Streusel mit einer Art sehr dickflüssiger gelber Vanillesoße – einfach göttlich!) Diese in England sehr populäre Nachspeise war damals auch meine Lieblingsspeise dort. Weitere Lieblingsspeisen Nicholas’ und Rebeccas sind beim Überarbeiten des Manuskripts leider dem Rotstift zum Opfer gefallen. Aber es sei an dieser Stelle verraten, dass Rebecca während ihrer Schwangerschaft oft Heißhunger auf Pfefferminz in Kombination mit Schokolade hatte. (After Eight lässt grüßen!)

 

Die weiteren Hauptfiguren, wie Peter, Judith und Robert, kenne ich wie sehr gute Freunde, d.h., ich kenne nicht nur ihre Marotten, ihre Stärken und Schwächen, sondern weiß auch, wie ihr Leben vor dem Roman verlaufen ist. Ihre Lieblingsspeisen kenne ich allerdings nicht, aber ich muss gestehen, dass ich diejenigen meiner realen Freunde auch nicht kenne.

 

Alle weiteren Figuren sind wie gute Bekannte. Ich weiß zwar, wie sie „gestrickt“ sind, dennoch weiß ich nicht alles über sie. Graf da Laruc zum Beispiel ist nicht nur für den Leser geheimnisvoll, sondern auch für mich. In den Folgeromanen schafft er es immer wieder, mich zu überraschen.

 

 

Mit welcher Deiner Romanfiguren hast Du am meisten gemeinsam?

 

Wenn überhaupt, dann mit jeder ein bisschen. Ich kann mich in jede meiner Figuren hineinversetzen, obwohl sie alle aus ihrem Eigenverständnis heraus agieren.

Nun gut, mit Elisabeth Randon habe ich, hoffe ich, nichts gemeinsam, außer vielleicht ihre Vorliebe für italienische Lebenskultur.

Nicholas, Rebecca, Judith und auch Peter sind mir alle sehr nah. Von Nicholas habe ich den Faible für Märchen, von Rebecca das Streben nach Wahrhaftigkeit, von Judith den Drang, immer alles analysieren und vernunftmäßig erklären zu wollen und von Peter den Sinn für die realistischen Erfordernisse des Lebens. Alle vier Hauptfiguren nehmen das Leben recht schwer. Darum empfinde ich Robert als einen erfrischenden Gegenpol, der stets etwas Abstand und Entspannung in die Schwernis bringt. Auch Maggie mit ihrer resoluten und direkten Art mag ich sehr. In bestimmten Situationen kann ich mich auch in den beiden wiederfinden.

 

 

Mit welcher Deiner Romanfiguren würdest Du gerne mal einen Tag verbringen? Was würdet ihr dann zusammen unternehmen? Und was würdest Du die Figur fragen wollen?

 

Ist das nicht klar? – Mit dem Grafen natürlich. Einen Ausritt in die Gebirgswelt der Südkarpaten ... Der Rest ist Schweigen ;-) 

 

 

Welche Bücher hast Du als Kind gern gelesen? Erinnerst Du dich noch an Dein allererstes?

 

Die Lurchi-Abenteuer von Salamander waren die allerersten, denn sie waren in Schreibschrift gedruckt, mit der man damals zu meiner Grundschulzeit zu lesen anfing. Danach kam – wie sollte es anders sein – Pipi Langstrumpf, wobei ich mit Pipi im Taka-Tuka-Land angefangen habe, weil ich die ersten beiden Bände eigenartigerweise nicht besaß. Die habe ich mir dann natürlich gewünscht. Das Geheimnis der orangefarbenen Katze, eine Geschichte, die von 10 europäischen Autoren geschrieben wurde (jeder Autor ein Kapitel, beginnend mit Ottfried Preußler) sowie Zäpfelkerns Abenteuer (deutsche Fassung von Pinocchio) sind mir besonders in Erinnerung geblieben. Aber auch die Grimm’schen Märchen habe ich geliebt. Danach kamen ziemlich schnell die Karl May-Romane, weil ich mit Hanni und Nanni und Co. nicht viel anfangen konnte.

Später fand ich die Fünf-Freunde-Bücher sehr spannend, die uns auf unseren Grundschul-Klassenreisen abends im Schlafsaal vorgelesen wurden. Meine beste Freundin hatte sie glücklicherweise alle, sodass ich sie mir immer von ihr ausleihen konnte. Aber auch ein Donald Duck (nicht Micky Mouse!) kam zwischendurch immer gut.

 

 

War das Schreiben schon immer eine Leidenschaft von Dir?

 

Aufsätze in der Schule waren mir zumindest nie ein Gräuel. Wenn ich erst einmal den Anfang hatte, gingen sie mir schnell von der Hand und wurden – wenn ich mich recht entsinne - auch immer gut benotet.

Mit zehn Jahren wollte ich mal Krimi-Autorin werden, a la Agatha Christie. Meine Eltern haben damals sehr gerne Krimis im Fernsehen geschaut und ich durfte sie schon recht früh mitgucken. Ich erinnere mich noch sehr deutlich an eine Szene, in der ein Mann mit einem Cello-Kasten durch die nächtlichen Straßen huschte. Man hörte nur seine eiligen Schritte auf dem regennassen Pflaster, die Kamera hielt ständig auf den Cello-Kasten. Es war klar, dass er kein Cello enthielt ... Den Rest weiß ich nicht mehr, weder was sich tatsächlich in dem Cellokasten verbarg, noch ob es ein Durbridge oder Tatort war. Aber diese Szene hatte mich inspiriert. Daraufhin habe ich tatsächlich einige Heftseiten vollgeschrieben – und irgendwann weggeschmissen.

 

Mein erstes wirkliches „Erfolgsschriftstück“ schrieb ich im 10. Schuljahr im Englisch-Unterricht. Unser Thema war die Phantastische Literatur, zu der wir Kiss Kiss von Roald Dahl gelesen hatten. Hausaufgabe war es, eine Geschichte in jenem Stil weiterzuschreiben, deren Anfang (3-4 Sätze) wir zuvor vorgelesen bekamen. Das war völlig meins!

Ich erinnere mich noch gut, wie ich mit vor Aufregung heißen Wangen über der Hausaufgabe saß, weil ich gar nicht so schnell schreiben konnte, wie mir die Gedanken kamen. Zwischendurch musste ich dann auch noch manch fehlende Vokabel im Langenscheidt nachsehen. Die Hausaufgabe wurde anderntags eingesammelt, und als unsere Lehrerin sie später benotet zurückgab, hielt sie eine zurück. Diese las sie der Klasse vor. Es wurde sehr still im Klassenraum.

„Das hast du geschrieben?!“, kam es hinterher ungläubig von allen Seiten. Die plötzliche Aufmerksamkeit war mir fast ein wenig peinlich. Worauf ich allerdings stolz war, war die Absicht meiner Lehrerin, meine Geschichte ihrem Englisch-Leistungskurs vorzutragen. – Schade, auch dieses Schriftstück habe ich nicht aufbewahrt. Jetzt würde ich gerne nochmal lesen, was ich damals mit sechzehn Jahren geschrieben habe.

 

 

Wie lange brauchst Du ungefähr für ein Buch?

 

Etwa 1 Jahr mit Recherche und Überarbeitung. Das aber Vollzeit, d.h. im Schnitt 6-8 Stunden pro Tag. Inklusive Wochenende versteht sich, denn ruhen tut eine solche Arbeit ja nie, auch wenn man gerade nicht am Laptop sitzt. Nebenberuflich hätte ich einen solch umfangreichen Roman, der sehr viel Recherche benötigt, gewiss nie schreiben können. Darum bin ich sehr dankbar, dass ich mir den „Luxus“ der Schriftstellerei leisten kann. Das wiederum kann ich, weil ich überwiegend mit Schreiben beschäftigt bin und daher gar keine Zeit habe, Geld auszugeben. Auto und neue Schuhe brauche ich nicht. Das Einzige, das ich brauche, ist mein Fahrrad und mein Fitness-Studio (als Ausgleich). Von daher bin ich ein recht günstiges „schriftstellerisches Eheweib“. 

 

 

Wer bekommt Deine Bücher zuerst zu sehen?

 

Meine Familie. Sie sind meine strengsten Kritiker.

 

 

Welches Deiner eigenen Bücher ist Dein Lieblingsbuch?

 

Eindeutig Band 4. Bisher jedenfalls. An Band 5 sitze ich gerade und kann daher noch nicht sagen, ob es womöglich noch besser wird.

In Band 4 hatte ich lediglich Anfang und Ende. Alles dazwischen hat sich von selbst geschrieben. Jeder einzelne Schreibtag war spannend, weil ich am Morgen selbst noch nicht wusste, wie es am Abend aufhören würde. Es war  ein absolut faszinierendes Erlebnis, wie aus dem Nichts heraus Figuren und Szenen entstanden Ich habe fast nichts zu überarbeiten brauchen. Alles war gut so, wie ich es erstmalig aufgeschrieben hatte, alles fügte sich aufs natürlichste ineinander. Ich bin sehr zufrieden mit dieser Arbeit.

 

 

Fällt es Dir leicht, neue Figuren für Deine Bücher zu erfinden?

 

Sie entstehen quasi von selbst. Eines Tages treten sie in Nicholas’ Leben und somit in meinen Roman. Ich habe zu keinem Zeitpunkt das Gefühl gehabt, meine Figuren erschaffen zu haben. Sie waren schon da, bevor ich das Glück hatte, sie kennenzulernen. Darum mag ich eigentlich auch gar nicht von „Figuren“ sprechen, sondern eher von Personen. Für mich sind sie sehr real.

 

 

Was inspiriert Dich?

 

Das habe ich mich auch schon gefragt, doch bisher keine Antwort darauf gefunden. Mit Musik kann man sich gut in bestimmte Stimmungen versetzen lassen, und ich weiß, dass viele Autoren dieses Mittel nutzen. Das kann ich nicht, weil in dem Moment, wo Musik läuft, ich mir zu sehr der Realität bewusst wäre. Ich brauche völlige Stille, nichts, das mir meine tatsächliche Umgebung bewusst macht, um in meine Romanwelt abzutauchen.

 

Nicholas ist eines Tages beim Schubladenaufräumen aus seiner in meine Welt getreten. Unsere Welten haben sich zweitweise vermischt, sodass ich ihm in die seine folgen konnte, wo ich als heimlicher Beobachter an seinem Leben teilnehmen durfte. Er weiß aber nichts von mir. Ich glaube noch nicht einmal, dass er meine Gegenwart spürt, aber wer weiß ...?

 

 

Hast Du literarische Vorbilder?

 

Hm. Also, in meiner Jugendzeit habe ich vorwiegend die Literatur des 19. Jahrhunderts gelesen, allen voran Dickens, Jane Austen, die Bronte-Schwestern, aber mein absoluter Favorit war Dostojewskij. Er ist zwar nicht mein Vorbild - so schreiben wie er kann heutzutage eh keiner mehr - aber er hat mich bestimmt geprägt.

Erst in letzterer Zeit habe ich auch die französische Literatur des 19. Jahrhunderts für mich entdeckt.

Gustave Flauberts „Madame Bovary“ hat mir sehr gut gefallen, konnte ich doch eine gewisse Paralelle zwischen Madame Bovary und Rebecca feststellen, zumindest in Punkto der romantischen Verklärung, die ihr die Sicht auf die Realitäten nahm.

Honore de Balzacs Roman „Verlorene Illusionen“ hat mich geradezu in Schrecken versetzt, wegen der unglaublichen Aktualität dieses Werkes. Wenn man bedenkt, dass es Anfang des 19. Jahrhunderts spielt und sich bis heute im Literaturbetrieb kaum etwas verändert hat, so finde ich das ganz schön beängstigend. Seine Kernaussage ist für mich, dass der Journalismus die Fähigkeit zum Romanschreiben tötet, denn Ersteres ist zweckgebunden und geschieht aus reinem Kalkül (Zielgruppe, Sensationseffekt, Auflagengröße usw.), das Zweite folgt nur den Gesetzen des Herzens, der wahren Gesinnung, des Schöngeistes. Da aber damals wie heute die „journalistischen Schreiberlinge“ die Macht haben, über Aufstieg oder Untergang eines Romanschreibers zu entscheiden (Literaturkritiker, Rezensenten, Kulturredakteure) wird auch die Belletristik mit den Parametern des Journalismus bewertet, also Zeitgeist, Popularität, Verkaufzahlen. Dann darf es nicht verwundern, dass wir auf den Büchertischen der großen Buchhandelsketten vorfinden, was wir vorfinden. Alles was anders oder eigen ist, muss sich seine Nische woanders suchen.

Mir fehlt oftmals die Individualität, das Von-den-Regeln-abweichen, weil nicht der Kopf, sondern das Herz beim Romanschreiben die Vormachtstellung haben sollte. Erst dann empfinde ich während der Lektüre menschliche Wärme, die mir bei den meisten westlichen Autoren – allen voran den US-Autoren - fehlt. Glücklicherweise bringen die osteuropäischen Literaturschaffenden frischen Wind ins Gefüge, wenn auch für meinen Geschmack noch zu zaghaft. Hier wird gerne mal mit Regeln gebrochen. Wenn es selbstbewusst genug geschieht, hat es sogar auf dem deutschen Literaturmarkt eine Chance, wenn auch als Exot gehandelt. Aber immerhin.

 

[Interview © Katerina, Mai 2010]