Interview V

Retrospektive Leipziger Buchmesse 2016

 

Ein Interview anlässlich der Lesung: Die Nicolae-Saga und ihre Aktualität

 

Aurelia, du kommst gerade von der Leipziger Buchmesse zurück. Welche Eindrücke hast du mitgebracht? 

 

Jede Menge positive und vielfältige. Es war wunderbar, mit Lesern und Interessenten in persönlichen Kontakt zu kommen und sich mit Autorenkollegen auszutauschen. Der Verlagsstand von Pro Business bot hierzu die besten Voraussetzungen mit seiner gemütlichen Sitzecke, umgeben von neu veröffentlichten Büchern, oder seinem Stehtisch, um den sich gleich mehrere Leute gruppieren konnten. Eine Oase im Getriebe der Messe und ein Ort des Gedankenaustausches. 

 

Am Messe-Samstag hattest du eine Lesung. Ich nehme an, du hast deinen neuesten Band der Nicolae-Saga vorgestellt, der im letzten Herbst erschienen ist? 

 

Unter anderem. Der Fokus lag diesmal auf der gesamten Romanreihe, die inzwischen auf vier  Bände angewachsen ist. Dabei stand ich vor der Herausforderung, eine möglichst repräsentative Textstelle zu finden. Der von mir gelesene Text stammt aus Band 3 (Nicolae-Jenseits der Wälder) und ist mystisch und historisch zugleich, weil genau dieser Genre-Mix meine Nicolae-Saga ausmacht. Die  Handlung findet zwar vorwiegend in der Realität statt, aber es gibt immer wieder diese mystischen Momente, die etwas offenbaren.

 

Wie schafft man es denn, in nur 30 Minuten eine 4-bändige Romanreihe vorzustellen?

 

Das war in der Tat nicht leicht. In der Kürze der Zeit konnte ich kaum auf den eigentlichen Handlungsablauf eingehen, dafür ist dieser auch viel zu komplex. Einen einzelnen Erzählstrang daraus zu lösen, macht keinen Sinn, weil es das Gesamtbild verfälschen würde.

 

Deshalb bin ich vermehrt auf Handlungszeit und Handlungsort eingegangen, also auf den Rahmen, innerhalb dessen sich die Geschehnisse zutragen. Und natürlich auf die Romanfiguren, insbesondere den Charakter des Titelhelden. 

 

Thema der Lesung war ja die Aktualität der Romanreihe. Worin liegt diese denn begründet?

 

Zum Beispiel in der Schnelllebigkeit. Bereits in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts empfanden die Menschen ihre Zeit als schnelllebig. Das lag daran, dass alles auf Veränderung ausgerichtet war. Neues Gedankengut verdrängte alte Glaubenssätze, alles schrie nach Fortschritt, nach Modernität. Europa befand sich auch gesellschaftspolitisch in einem Umbruch. Der heranwachsende Nicolae aber ist mit seinen Wurzeln tief in einer alten Welt verankert und sucht in seiner gegenwärtigen geradezu verzweifelt nach verlässlichen Werten. Kommt uns das nicht bekannt vor? 

 

Und welche Parallelen zur heutigen Zeit gibt es noch, die die Nicolae-Saga aktuell macht? 

 

Eine weitere Aktualität liegt in der Titelfigur selbst – allerdings unbeabsichtigt! Um Nicolae mit dem Unwort des Jahres zu beschreiben: Er ist ein Gutmensch. Er stellt einen extrem hohen moralischen Anspruch an sich und sein Umfeld. Wahrheit und Gerechtigkeit gehen ihm über alles. Dabei bricht sich sein jugendlicher Idealismus immer wieder an den Realitäten. So muss er sich auf seiner Wanderschaft in Band 4 häufiger die Frage gefallen lassen, aus welcher Seifenblase er eigentlich entsprungen sei oder ob er bisher hinterm Mond gelebt habe. Die allseits hingenommenen Missstände empören ihn derart, dass er sie am liebsten unverzüglich abschaffen würde. Robin Hood war nicht umsonst Held seiner Kindertage. 

 

Worin besteht denn Nicolaes Aufgabe? Welche Funktion hat er innerhalb des Familiengefüges? 

 

Nicolae ist ein Wahrheitssucher und Gerechtigkeitskämpfer. Er kommt mittels seiner Gabe hinter allerlei Familiengeheimnisse. In dem Textauszug, mit dem ich die Lesung eingeleitet habe, trifft Nicolae in einer Art Traumraum auf seinen Vorfahren und nennt ihn Großvater. Aber in Wahrheit trennen sie 400 Jahre voneinander. Sein Vorfahre – eine historische Figur – lässt ihn tief in die Vergangenheit eintauchen und stellt ihn vor ungeheuerliche Aufgaben. Unter anderem beauftragt er ihn, vergangenes Unrecht zu sühnen. Das bringt Nicolae zwangsläufig in Konflikt mit seinen eigenen Moralvorstellungen. Er sieht sich dem einfach nicht gewachsen. Darum versucht er, sich der Macht seines Vorfahren zu entziehen. Der Druck steigt dermaßen, dass er am Ende von Band 3 von zu Hause flieht. 

 

Genau da setzt der aktuelle 4. Band an. Wir erleben Nicolae weit weg von Zuhause, vollkommen auf sich allein gestellt… das hört sich sehr abenteuerlich an. 

 

Ist es auch. Nicolae – inzwischen 14-jährig – hat etliche Abenteuer zu bestehen. Seine Wanderschaft konfrontiert ihn erstmals mit der harten Realität jenseits seines behüteten Bergdorfs und der Bukarester Paläste. Er begegnet Menschen und ihren Schicksalen. Dabei lernt er, dass die Bewertung von Gut und Böse von vielen Faktoren abhängig ist und dass es kein einfaches Schwarz oder Weiß gibt, sondern viele Schattierungen. Da er das Unrecht, das ihm unterwegs begegnet, aber unbedingt bekämpfen will, beschäftigt er sich zusehends auch mit der Frage, inwieweit der Zweck die Mittel heiligt. Zu diesem Thema habe ich eine kleine Textpassage aus dem aktuellen Band gelesen. Denn das sind Fragen, die uns immer beschäftigen werden. 

 

Du hast eben Bukarest erwähnt. Der Handlungsort deiner Romanreihe ist Rumänien. Wie bist du darauf gekommen, diesen eher ungewöhnlichen Handlungsort zu wählen? Hätte sich diese Familiengeschichte nicht auch in einem westeuropäischen, den meisten Lesern eher vertrauten Land zutragen können?

 

Nein. Ich brauchte ein Land, das einen starken Kontrast zum viktorianischen England in

Band 1 bildet, das seinerzeit als modernstes Land der Welt galt. Ich brauchte ein Land, in denen Sagen und Legenden lebendig gehalten werden und in dem sich die Menschen noch in einem natürlichen Gefüge zur Schöpfung befanden.

 

Zudem haben die Kelten in diesem Land ihre Spuren hinterlassen, die meine Romanreihe durchziehen wie ein roter Faden, und die starke Parallelen zu den Dakern aufweisen.  

 

Vereinfacht könnte ich auch sagen, ich brauchte ein Land, wo das Wort noch mehr wog als die Zahl, der Glaube mehr als das Wissen, der Mensch mehr als moderne Maschinen.

 

Das hat nichts mit Romantisierung zu tun – ich schildere das Leben der einfachen Bevölkerung ungeschönt. Sie waren den Naturgewalten ebenso ausgesetzt wie der unmenschlichen Ausbeutung durch die herrschende Klasse. Zu der Nicolae übrigens gehört! Es geht um all das, was uns Menschen in seinem Ursprung ausmacht und das wir in den modernen Zeiten verloren haben.

 

„Sie nennen sich stolz fortschrittlich und merken nicht, dass sie in Wahrheit nur von sich selbst fortschreiten“, lasse ich in Band 1 eine meiner Hauptfiguren sagen. 

 

Also ein philosophisches Werk? 

 

Das wäre zu hochtrabend ausgedrückt. Aber ja, philosophische Gedankenspiele gehören natürlich dazu. Schließlich geht es um einen Heranwachsenden, der seine Position im Leben, das insbesondere für ihn von vielerlei Gefahren umgeben ist, noch finden muss. Sein Vater ist ihm hierbei nicht nur Ratgeber und Beschützer, sondern übt darüber hinaus eine Schlüsselposition aus. 

 

Diese ist bisher noch gar nicht zur Sprache gekommen. Wie ist denn das Vater-Sohn-Verhältnis? In Familiensagas liegt ja meist genau darin ein großes Konfliktpotenzial. 

 

Natürlich. Kinder wollen von ihren Eltern geliebt werden. Sie gieren geradezu nach Anerkennung. Darum sind sie generell bemüht, deren Erwartungen zu erfüllen. Nur manchmal steht dies eben im Gegensatz zu den eigenen Wünschen und Bedürfnissen, oder gar zur eigenen Wesensart. Während Nicolae ein sehr feinfühliger und nach Harmonie strebender Mensch ist, herrscht sein Vater in seinem Reich mit rigider, teilweise barbarisch anmutender Hand. Nicolae erfährt zwar die von ihm geforderte Gerechtigkeit, aber die Mittel erscheinen ihm oft zu drastisch. Trotzdem liebt er seinen Vater abgöttisch. Sehr zum Unverständnis seiner Tante übrigens, die diesem zutiefst misstraut. Der Vater ist eine zwielichtige Figur, die von einer geradezu mystischen Macht umgeben ist. Er scheint jeden in seiner Gewalt zu haben – bis auf die Tante. Aber auch Nicolaes Blick klärt sich mit der Zeit. 

 

Wie ist die Lesung beim Publikum angekommen? 

 

Gut, hoffe ich. Aber das können nur die Zuhörer, die da waren, beurteilen. Auf jeden Fall war das Interesse spürbar, und am Verlagsstand wurden meine ausgestellten Bücher zur Hand genommen und auch gekauft. Einmal sprach mich eine noch recht junge Leserin an, die alle meine Bände gelesen hatte und nun in der Hoffnung gekommen war, Band 4 vorzufinden. Ich habe mich total gefreut, dass auch junge Leute zu meinen Lesern gehören. Das Genre „Historischer Roman“, in die meine Romanreihe offiziell eingeordnet ist, schreckt junge Leute ja zumeist ab. Aber ich denke, es ist der Mystery-Effekt, der hier zieht und diese Familiengeschichte auch für junge Leser attraktiv macht. In meinen Lesungen hingegen treffe ich eher auf ein älteres Publikum. Für mich ist es total spannend, wen ich wie mit meiner Nicolae-Saga erreiche. Auf der Buchmesse hat man die Chance, dies zu erfahren. Das macht sie so besonders. 

 

Also geht’s nächstes Jahr wieder auf die Leipziger Buchmesse? 

 

Auf jeden Fall. Auch wenn ich dort 2017 vermutlich nicht lesen werde. Aber der Kontakt zu Autorenkollegen und Lesern ist einfach unglaublich inspirierend. Klar, die Messe ist auch megaanstrengend, schon wegen des permanenten Geräuschpegels. Aber das konnte ich dieses Mal gut verkraften, da ich auf meine Einsätze und die Gespräche konzentriert war. Und am Verlagsstand herrschte ohnehin eine sehr angenehme und lebendige Atmosphäre. 

 

Danke schön für diesen Einblick in deine Arbeit und weiterhin viel Erfolg! 

 

 

Das Interview führte Katerina Zemke