Szenen - Romanausschnitte

Walzerkönig Johann Strauss  - Foto: alp
Walzerkönig Johann Strauss - Foto: alp

Mr. Cornellys Tanzkünste waren von eher bescheidener Natur, weswegen sie sich gleich nach dem Eröffnungstanz wieder an ihren für sie reservierten Tisch zurückgezogen hatten. Seit Stunden schon, so kam es ihr zumindest vor, lauschte sie artig seinen Berichten aus der Londoner Geschäftswelt. Er erzählte mit Eifer und viel Begeisterung in der Stimme von dem überaus erfreulichen Aufschwung seiner kleinen Handelsfirma, den technischen Entwicklungen in der stoffverarbeitenden Industrie und den glor-reichen Expansionen der Webfabriken im ganzen Land, als wüsste er nicht, dass es sich nicht schickte, Damen mit derlei Themen zu lang-weilen. Währenddessen ließ Rebecca ihre Blicke sehnsüchtig über die Tanzfläche schweifen, wo die anderen Paare zu beschwing-ten Melodien übers Parkett glitten. Die Kapelle spielte famos einen Walzer nach dem anderen, doch die Musik schien Mr. Cornelly nicht zu erreichen. Zu sehr war er wohl mit tanzenden Zahlen vor seinem inneren Auge beschäftigt. … [S. 22 ff] 

Foto: alp
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Dunkle Wolken trieben vorbei, die Schnee mitzubringen ver-sprachen. Plötzlich ließ sich laut krächzend ein Rabe in dem kahlen Platanengeäst vor ihrem Fenster nieder. Der Winterwind zerzauste sein schwarzes Gefieder und ließ die frosterstarrten Zweige erzittern. Trotz des im Kamin knisternden Feuers, das im Salon eine behagliche Wärme verbreitete, durchfuhr Rebecca ein Schauer. Als sie zu Nicholas hinübersah, gewahrte sie, wie ein kaum merklicher Ruck seinen Körper durchfuhr. Daraufhin hielt er seinen Kopf ein wenig schief, als ob er lausche. Bewegungslos verharrte er in jener Stellung. Seine Pupillen hatten sich auf die Größe eines Stecknadelkopfes verkleinert. Rebecca war beunruhigt, traute sich aber nicht, Nicholas anzusprechen. Sie spürte, dass etwas Unbegreifliches mit ihm geschah, welches sie kein Recht hatte zu unterbinden.

Nach einer Weile löste sich Nicholas aus seiner lauschenden Erstarrung, griff ruhig nach Papier und Stift und fing langsam und sorgfältig an zu schreiben. Als er sein Schriftstück beendet hatte, reichte er es ihr mit sichtbarer Erschöpfung. Klopfenden Herzens fing Rebecca an zu lesen: [ … ]

Furchtsam blickte sie zu ihrem Sohn hinüber, der sie aus matten Augen anblickte. Dann presste sie den Bogen an ihr heftig klopfendes Herz. Plötzlich war ihr, als wären Raum und Zeit eingefroren. Nichts rührte sich, weder im noch außerhalb des Hauses. Nicholas saß nach wie vor reglos, kein Atemzug hob seine Brust, kein Wimpernschlag durchbrach das Blau seiner Augen; draußen im Baum saß der Rabe und starrte zu ihnen hinein, sein Gefieder lag aalglatt; und auch die zuvor noch vom Wind erzitternden Zweige schienen nun wie starre dunkle Risse vor eisigem Winterhimmel. Die dunklen Wolken wirkten wie festgefroren. Nur das Ticken der Kaminuhr und das Knistern des Feuers machten den Gedanken unmöglich, dass die Zeit stehen geblieben war. … [S. 158ff]

Foto: alp
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»Nun, kleiner Engländer, tritt ein in mein Reich!«, hörte er wie aus weiter Ferne die wohlvertraute Stimme des Grafen.

»Ich kann nicht.«, hauchte er atemlos in die Nebelschwaden. »Ich habe Angst!«

»Wovor, Nicholas?«, drang die Stimme nun schon deutlicher an sein Gehör.

»Vor … vor Antworten!«

Voller Furcht suchten Nicholas’ Augen die des Grafen.  Unversehens trafen sie in-mitten des Nebelmeeres auf dessen samtene Schwärze. Die Schwaden lichteten sich.

»Sei unbesorgt, mein junger Freund.«, lächelte ihm der Graf zu. »Ich werde dir nur Antworten geben, die deiner zarten Seele zuträglich sind.«

Vertrauensvoll durchschritt Nicholas an der Hand Graf da Larucs das Portal und war sich noch nie zuvor so sicher gewesen, am richtigen Ort zu sein. [S. 280]

Jumbo, London Zoo /Quelle: Wikipedia
Jumbo, London Zoo /Quelle: Wikipedia

»Da ist Jumbo!«, rief Nicholas begeistert aus und versuchte einen Blick auf den weltberühmten  Elefantenbullen zu erhaschen, der seit zwei Jahren der Publikumsliebling des Londoner Zoos war. […]

Ein wenig steif saß Nicholas auf den Schultern seines Vaters, bemüht dessen Zylinder nicht zu verrutschen und seine staubigen Schuhe von dessen neuen Gehrock fernzuhalten. Gespannt beobachtete er, wie Jumbo mit seinem langen Rüssel einem der Besucher ein Stück Brot aus der Hand nahm und in sein riesiges Maul mit den langen Stoßzähnen schob. Gierig streckte der Elefant seinen Rüssel erneut nach den Besuchern aus. Ein kleines Mädchen wich erschrocken zurück.

Wie klein die Augen in diesem riesigen Schädel wirkten! Und wie runzlig seine Haut schon aussah, dabei war Jumbo doch gerade mal genau so alt wie er selbst! Auch er wurde vor sechs Jahren geboren, nur in einem Land namens Äthiopien, wie das Schild neben dem Gehege besagte. Wenn er jetzt doch nur schon seinen Atlas hätte, den er sich so sehr zum Geburtstag wünschte, dann würde er zu Hause gleich nachgeschlagen haben, wo dieses Land läge. »Ob Jumbo wohl Heimweh hat?«, überlegte Nicholas laut.

»Das glaube ich kaum, Nicholas.«, antwortete ihm sein Vater von unten. »Schließlich ist er gefangen worden, als er noch ein Baby war und gleich darauf in den Pariser Zoo gebracht worden, bevor er zu uns nach London kam. Er kennt das Leben in Afrika nicht, wird es von daher auch nicht vermissen.«

»Aber wer weiß, vielleicht spürt er ja, dass er eigentlich woanders zu Hause ist.«, gab Nicholas zu Bedenken, während seine Gedanken in eine andere Richtung schweiften. Vielleicht fühlte Jumbo ja auch, dass er nicht hierher gehörte! Für einen kurzen Moment begegneten sich ihre Blicke und Nicholas meinte, wie zur Bestätigung Jumbos Kopf sich heben und senken zu sehen. [S. 368 ff]

Cernunnos/Quelle: PictokonDOTnet
Cernunnos/Quelle: PictokonDOTnet

»Magst du mir von deinem Traum erzählen?«

»Wir haben um ein Feuer getanzt, zusammen mit den anderen weißen Frauen, und ihr habt zu den Sternen gesungen. Das Lied war wunderschön ...«

Er begann die Melodie zu summen. Alsbald fiel Granny Bridget mit ein. Erstaunt schaute Nicholas zu seiner Urgroßmutter auf.

»Kennst du das Lied etwa auch, Granny Bridget?«

»Natürlich, Nick. Es ist eine sehr alte Weise. Schon unsere Vorfahren haben sie gesungen. Was ist noch in deinem Traum passiert?«

Er erzählte freimütig von dem Stern-schnuppenregen, dem Siebengestirn und dem Gott des Waldes, der dem Feuer entstiegen war, denn es war ja wirklich nur ein Traum gewesen.

»Er war stark und schön.«, erinnerte sich Nicholas versonnen. »Sein ganzer Körper hat geleuchtet. Und dich hat er Göttin des Feuers genannt, Granny Bridget, dabei hast du noch nicht einmal rote Haare!«

Granny Bridget lachte laut auf. »Oh, mein Lieber, ich bin nicht mit weißem Haar auf die Welt gekommen, weißt du? Als junges Mädchen hatte ich ebenso kupferrotes Haar wie deine Mutter, Nick, auch wenn du dir das  nur schwer vorstellen kannst.«

»Wirklich?«

Ungläubig betrachtete er das schlohweiße Haupt seiner Urgroßmutter, das er nie anders gesehen hatte.

»So, du bist also tatsächlich Cernunnos begegnet?«, fragte Granny Bridget mit einer gewissen Ehrfurcht in der Stimme.

»Ja, und er hat die Hand nach mir ausgestreckt. Ich hatte ziemliche Angst davor, ihn zu berühren, aber als ich es letztendlich doch tat, hat er sich in Rauch aufgelöst.«

Granny Bridget erwiderte hierauf nichts. Leise lächelnd sah sie vor sich hin ... 

[S. 400]

Foto: alp
Foto: alp

Reglos stand er vor dem großen Gitter, das seit Ewigkeiten das Innere des Heiligen Tempels vor den Nichtgeweihten schützte und ihnen den Zutritt verbot. Die geweihten Seelen von Jahrhunderten hatten hier einst Einzug gehalten, um sich aufopferungsvoll auf dem steinernen Altar mit dem Ewigen zu vereinen; einer uralten Gottheit zu die-nen und lebendig zu halten, die die Kräfte der Natur im Gleichgewicht hielt und für die Seinen in immerwährender Liebe sorgte; eine Gottheit, die jahrhundertelang von ihrem Volk und deren Sehern verehrt und geheiligt wurde an Stätten wie dieser. Doch dann waren die Unwissenden gekommen und hatten sich über das Volk und ihre Seher erhoben.

    Gebannt schaute Nicholas durch die schmiedeeisernen Stäbe auf den aus Stein gehauenen Altartisch und lauschte den Sa-gen aus alter Zeit. Er hatte die Stätte sofort wiedererkannt. [...] Er horchte angestrengt, doch das Flüstern der toten Seelen erstarb immer mehr. Sie waren zu schwach, um un-ter der Macht des Sonnengottes ihre Kräfte für längere Zeit zu entfalten. [S. 433]    

Wiiliam Henry Fox Talbot (1800-1877) engl. Orientalist und Fotopionier/Quelle: Wikipedia
Wiiliam Henry Fox Talbot (1800-1877) engl. Orientalist und Fotopionier/Quelle: Wikipedia

Der Photograph und sein Assistent schienen nach mehreren Messungen endlich den richtigen Standort für ihr Stativ gefunden zu haben und bauten den großen schwarzen Kasten auf. Eine gewisse Unruhe war aufgekommen. Nicholas sah Maggie vor dem spiegelnden Küchenfenster unentwegt den Sitz ihrer frisch gestärkten Haube prüfen, und auch Granny Bridget strich sich immer wieder nervös über ihr schlichtes Kleid, zu dem sie aufgrund des besonderen Anlasses einen weißen Spitzenkragen angelegt hatte. Dabei redete sie pausenlos auf Grandpa Patty ein, doch wenigstens für die Photographie die Pfeife aus dem Mund zu nehmen. Doch Grandpa Patty blieb stur. Die Pfeife gehöre zu ihm wie die Nase in seinem Gesicht und damit Schluss! Daraufhin zupfte Granny Bridget an seiner alten zerschlissenen Jacke herum, als könne sie diese dadurch aufbessern.

Nicholas konnte seiner Urgroßmutter ansehen, wie viel Furcht sie vor dem großen schwarzen Kasten hatte, der ihr Ebenbild auf ein Stück Papier bannen sollte. »Ach, GranGranny«, hatte er sie schon mehrfach an diesem Nachmittag beruhigen wollen, »dir passiert doch dabei nichts! Du musst nur ganz still stehen und warten bis es pengt und pufft. Dann hat der Photograph dich auch schon im Kasten!« Aber das hätte er lieber nicht sagen sollen, denn bei dieser Vorstellung war sie sofort zusammen-gezuckt, und er hatte Mühe gehabt, ihr zu erklären, dass nicht sie selbst, sondern nur ein Bild von ihr im Kasten sei und es zudem nur so eine Redensart der Photographen wäre. Ihr Blick hatte sich dennoch nicht entspannt. Sie war ihr Lebtag noch nie photographiert worden.  [S. 501 ff]

Dicentra - Tränendes Herz - Bleeding Heart - Foto: alp
Dicentra - Tränendes Herz - Bleeding Heart - Foto: alp

»Die Blumen auf dem Grab sind sehr schön, Nicholas. Ich habe noch nie zuvor ein Tränen-des Herz gesehen, das zu dieser Jahreszeit in voller Blüte steht. Hast du es gepflanzt?«

Er rührte sich nicht und sah auch nicht zu ihr auf.

Erst nach einer ganzen Weile antwortete er, ohne den Blick zu heben: »Mein Nachtengel hat es gepflanzt, Tante Judith. Seine Tränen haben es zum Blühen gebracht.«

Judith erschauderte. [S. 603]