Kurzvorstellung, Klappentext und Leseprobe

Nicolae

Hinter den Pforten

~ 1869 – 1872 ~

 

Der 2. Band der Familien Saga

führt unseren kleinen Titelhelden in das damalige Fürstentum Rumänien,

ein Land voller

Märchen, Mythen und Legenden. 

 

Entwirren Sie mit ihm das dicht gewobene Netz historischer Verwicklungen,

und entdecken Sie seine wahre Identität.

   

»Komm, mein Sohn,

     lass uns in die Tiefen unserer Geschichte hinabsteigen ...«

 

Klappentext

Der in England aufgewachsene achtjährige Nicholas - nun Nicolae genannt - lebt fortan am Hofe eines rumänischen Adeligen.

Der Unterschied zwischen den bewegten Zeiten des fortschrittlichen Englands und der märchenhaften Kulisse eines in der Zeit stehen gebliebenen Karpatendorfes könnte nicht größer sein.

Für Nicholas realisiert sich in der Abgeschiedenheit der majestätischen Bergwelt der Südkarpaten ein lange gehegter Traum.

 

Seine den modernen Wissenschaften verschriebene Tante Judith hingegen stößt auf allerlei Befremdliches und Unerklärliches im Reiche ihres neuen Dienstherrn, bei dem sie sich als Gouvernante ihrer Nichte verpflichtet hat. Sie glaubt sich in einem ausweglosen Labyrinth gefangen, in dem sich die Kinder immer weiter von ihr entfernen.

Durch die Bekanntschaft eines in Kronstadt lebenden Landsmannes, dem Volkskundler Dr. Farrell, kommt sie hinter ein gut gehütetes Geheimnis.

 

Tauchen Sie zusammen mit Nicolae und Judith ein in eine nicht allzu ferne Welt ...

  

 

Leseprobe

  Kapitel 1

 

Schon wieder war sie in diesem trügerischen Labyrinth gefangen, das sich als Irrgarten entpuppt hatte. Ratlos schaute sie umher und suchte nach einem Ausweg. Aber gleich, für welche Richtung sie sich entschied, sie gelangte immer wieder zu diesem Scheideweg. Erschöpft stellte sie fest, dass sie gezwungen war, eine Entscheidung zu treffen.

Mit klopfendem Herzen stand sie davor, unfähig auch nur einen Schritt in die eine oder andere Richtung zu tun. Wie jedes Mal drohten unterschiedliche Kräfte sie zu zerreißen. Drängende Stimmen aus verschiedenen Richtungen riefen ihr durcheinander zu, den einen und nicht den anderen Pfad zu wählen. Die mahnenden und lockenden Stimmen ängstigten und verwirrten sie. Auf welche sollte sie hören? Wem Glauben schenken?

Ihre eigene Unentschlossenheit zehrte sie allmählich auf. Als sie eingangs das vermeintliche Labyrinth betreten hatte, war sie sich ganz sicher gewesen, dass wenn sie nur zügig und stetig voranginge, ohne unterwegs unnötig zu pausieren oder die Blicke umherschweifen zu lassen, sie schon bald ihr Ziel erreichen würde. Sie war sich darüber im Klaren gewesen, dass sie manch schwieriges Gelände, manch verschlungene Gänge zu bewältigen sowie mancherlei Verlockungen am Wegesrand zu widerstehen hätte. Aber bis hierher hatte sie alles mit Bravour zu meistern gewusst, hatte all der Mühsal getrotzt, all den Verführungen widerstanden. Sie hatte sich nicht von ihrem Ziel abbringen lassen, war nicht wie so viele ins Straucheln geraten. Sie konnte mit Recht stolz auf sich sein.

Doch jetzt war sie auf ein unvorhergesehenes Hindernis gestoßen, ein Hindernis tief in ihrem Inneren, das es ihr unmöglich machte, eine vernünftige Entscheidung zu treffen. Ihr Schatten fiel in zweierlei Richtungen und zwang sie, einen von beiden hinter sich zu lassen.

Es war unmöglich. Sie stand sich selbst im Wege.

 

Plötzlich schob sich etwas Dunkles vor die Sonne und tauchte den Scheideweg in Finsternis. Die Schatten verschwanden. Die Stimmen verstummten. Nichts vernahm sie mehr, außer dem Schlag ihres eigenen Herzens. Es war das Einzige, das ihr noch geblieben war, sie zu leiten.

Als sie nun mit nur einem Schritt den Weg betrat, den ihr Herz ihr befahl zu gehen, vernahm sie eine donnernde Stimme, die sie auf ewig verbannte und der Verdammnis preisgab, sah grausame Bilder von sich windenden, geschundenen Leibern in der Höllenglut, der sie selbst anheim fallen sollte, wenn sie diesen Weg weiterhin verfolge. Angst nahm sie gefangen, doch ihr Herz gebot ihr weiterzugehen. Und als sie so tat, war ihr plötzlich, als wenn sie den Boden unter den Füßen verlöre und ins Nichts fiele. Erschreckt wich sie zurück.

 

Wie festgewurzelt stand sie wieder an gleicher Stelle, umhüllt von totaler Finsternis und absoluter Stille. Nur ihr Puls rauschte ärger als zuvor in ihren Ohren.

Der rechter Hand liegende Weg der Vernunft schien weit weniger Gefahren zu bergen. Vorsichtig tat sie den ersten Schritt. Weder eine mahnende noch eine verführerische Stimme erklang. Alles blieb ruhig, geradezu leblos. Das angestrebte Ziel lag verlockend nah, doch der Weg dorthin führte durch nichts als Wüste. Zögerlich setzte sie diesen Weg fort. Ihr Herz blieb seltsam unberührt. Dumpf lag es in ihrer Brust und erlahmte mit jedem Schritt mehr. Bliebe ihr am Ende überhaupt noch die Kraft, ihr zum Greifen nahes Ziel zu erreichen? Mit Schrecken wich sie auch vor diesem Weg zurück und stand wiederum am Scheideweg.

Warum gab es keinen goldenen Mittelweg, der sich ihr unverhofft auftat?

 

Als die Verzweiflung sie so hin- und herriss und sie gleichsam an Ort und Stelle bannte, erhob sie sich plötzlich in die Lüfte. Etwas Fremdes trug sie empor.

Unter ihr lag der Irrgarten des Lebens. Sie sah die geraden öden Wege der Tugend mit Leichen gepflastert, verdorrt lagen sie mit ausgestreckten Händen da, das unsichtbare Ziel zum Greifen nahe und doch hatten sie es nicht mehr zu erreichen vermocht. Andere wiederum hatten mehr Kraft gehabt, doch nur, um enttäuscht festzustellen, dass ihr Ziel sich in Luft auflöste, sobald es erreicht war. Mit verkümmertem Herzen umklammerten sie das Nichts noch im Tode, ihre abgehärmten Gesichter bizarr verzogen vor vergänglichem Stolz.

Die verschlungenen bunten Wege der Versuchung hingegen waren mit fröhlich im Wind spielenden Wesen versetzt, die ihr Ziel längst aus dem Auge verloren hatten. Sie gaben sich unbekümmert den Lustbarkeiten hin, drehten sich dabei unentwegt nur um ihre eigene Achse, immer schneller, bis ihre längst leere Hülle wie eine Seifenblase zerplatzte. Es blieb nichts von ihnen, nicht einmal die Reue.

Beides war schrecklich anzusehen.

 

Schließlich entdeckte sie tief unter sich welche, die zwischen den öden und bunten Wegen suchend umherirrten. Sie hasteten weder nach einem Ziel, noch ließen sie sich von den bunt schillernden Wesen verlocken, es ihnen gleichzutun. Diese Wenigen waren auf der Suche. Auf der Suche nach einem Ausweg. Denn die scheinbar richtigen Wege entpuppten sich als die falschen, andere wiederum führten bloß in Sackgassen. An manchen Stellen gebar das Laster schnell vergängliches Glück, das vermeintlich Gute jedoch führte ins sichere Verderben. Dieser Irrgarten hatte die Weltordnung ad absurdum geführt. Die Verirrung, das Verlorengehen, schien sein einziges Ziel!

 

Judith ahnte, dass es einen Ausweg aus dem Ganzen geben musste, ein verstecktes Portal, das den Zugang zu anderen Welten eröffnete und aus der Welt der falschen Ziele und Verlockungen hinausführte. Vielleicht lag es sogar ganz in der Nähe! Vielleicht konnte sie es nur nicht erkennen! Weil sie, selbst ein Ziel vor Augen, blind für den Ausweg geworden war?

Ihre luftige Warte bot ihr eine neue Perspektive auf die Dinge. Losgelöst von allem Bisherigen und aus der Distanz wurde ihr Blick allmählich klarer. Fasziniert beobachtete sie, wie die Dinge andere Wertigkeiten bekamen. Vormals Wichtiges wurde belanglos, Nichtigkeiten erhielten Bedeutung, deutlich trat Unsichtbares hervor, während Dagewesenes vor ihren Augen verblasste. So, wie der Boden tief unter ihr. Sie schien über allem zu schweben.

Doch was war es, das sie hielt? Mit Schrecken wurde ihr bewusst, dass sie nicht mehr die alleinige Kontrolle über sich besaß. Im selben Moment wurde sie hinab in einen nicht enden wollenden Strudel gezogen. Sie fiel ins Bodenlose. Taumelnd suchte sie irgendwo Halt zu finden, doch sie versank immer weiter im Nichts, bis schwarze Schwingen sie umfingen und sicher hielten. Erst da ließ der Schwindel etwas nach, erst da kam sie wieder zu Sinnen, erst da sah sie klar. Ihr Herz glücktaumelte und war gleichsam vor Furcht erstarrt.

Ein Donnergrollen rauschte über sie hinweg. Sie lag geborgen. Ein Pochen, ein Hämmern ... Ihr Herz? Das des fremden Wesens? …  

 

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