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Judith konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, wann sie sich das letzte Mal so hoffnungslos verloren gefühlt hatte. Der heutige Tag hatte die Herzensbande der Kinder zu diesem fremden Volk endgültig verankert. Es war keineswegs nur eine hohle Zeremonie gewesen, nein, sie war aufs gründlichste gefüllt worden!

Nur wenige Stunden zuvor waren Nicholas und sie als Fremde gekommen. Doch nun war er als Freund – mehr noch: als ihresgleichen – gegangen, während sie eine Fremde geblieben war.

Es hatte nicht an den Leuten gelegen, keineswegs. Auch das Gespräch mit dem jungen Popen war angenehm verlaufen. Doch dann war sie im Laufe des Festes in einen tiefen Aufruhr versetzt worden, der sie am Ende an ihrem Verstand hatte zweifeln lassen. Sie hatte nunmehr die Gewissheit, sich in einer völlig unwirklichen Welt zu befinden. … 


Alles im Umfeld des Grafen, so wie er selbst, war von geradezu widersprüchlicher Perfektion. Er lebte in einem jahrhundertealten Gemäuer, das den luxuriösen Komfort der modernen Zeiten bot. Er gehörte dem Adelsstand an und las Schriften von Karl Marx. Er legte Wert auf Prunk und Eleganz und fand – wovon sie sich am heutigen Abend mehrfach hatte überzeugen können – Gefallen am Primitiven. Er ließ sein Volk ehrfurchtsvoll vor sich niederknien, um sich anschließend mit ihm tanzend und singend in den Armen zu liegen. Das ganze Wesen dieses Mannes war so voller Gegensätze, dass es Judith in absolute Verwirrung stürzte. In ein und demselben Moment vermochte er eine Wärme auszustrahlen, die einem das Herz weitete, und eine Kälte, die einem das Blut in den Adern gefrieren ließ.

Umso schlimmer war es für sie mit anzusehen, wie sehr Nicholas dem Grafen zugetan, um nicht zu sagen, bereits verfallen war. Nie zuvor hatte sie ihren Neffen jemanden so viel offenkundige Bewunderung entgegenbringen sehen.  [ … ]


»Ich heiße Sie willkommen in unserer Welt. Ihnen stehen sämtliche Türen offen, doch eintreten ... müssen sie allein.«

 

aus: Nicolae - Hinter den Pforten, Seite 142 -148 (gekürzt)

 

 

Wie immer saß Mihai über dem sehr alten, in dicken Leder gebundenen Folianten gebeugt und frischte mit einem Gänsefederkiel sorgfältig die verblichene Schrift wieder auf. An seinen Fingern, vor allem am Daumen, fanden sich darum stets Spuren von Tinte.

[ … ]

Für einen Augenblick unterbrach der alte Mann seine Arbeit und richtete mit einem leisen Ächzen seinen Rücken auf, so gut es ihm gelingen wollte. Dann nahm er seinen Zwicker ab und rieb sich die Nasenwurzel. Nicolae trat näher und schaute ihm über die Schulter.

Der Blick auf den überarbeiteten Stammbaum verwirrte ihn stets aufs Neue. Er schien aus zwei großen Sippen zu bestehen, die sich im Laufe der Jahrhunderte immer weiter voneinander entfernt hatten, sodass in jetziger Zeit kaum noch eine Verbindung zu erkennen war. Nicolae konnte den vielen Verästelungen kaum folgen, die sich auf den aufklappbaren Seiten ausbreiteten.

»Eines Tages wird Euer Vater Euch in die Familienchronik einweisen, junger Herr.«, sagte der alte Mihai, als er den angestrengten Blick Nicolaes gewahrte. »Und wenn Ihr einen Eurer altehrwürdigen Vorfahren am Wickel habt, kommt zu mir, damit ich Euch eine entsprechende Geschichte zu ihm erzählen kann. Sie wird ihn Euch näherbringen. Denn selbst ein verblichener Mensch besteht nicht nur aus Buchstaben und Zahlen, nicht wahr?«

In letzter Zeit hatte der alte Mann bereits damit begonnen, ihm kurze Einblicke in seine Familiengeschichte zu gewähren. Die Art und Weise, wie Mihai seine Geschichten zum Besten gab, erinnerten Nicolae stets an Grandpa Patty, der seine alten Seemannsgeschichten ebenso erzählt hatte, dass Nicolae nie zu sagen gewusst hatte, ob sie wahr oder frei erfunden waren.

Wenn Mihai sich seinen Zwicker wieder auf die Nase klemmte, wusste Nicolae, dass es an der Zeit war zu gehen, um den alten Mann in Ruhe an seinem Lebenswerk weiterarbeiten zu lassen. So war es selbst heute, am Weihnachtstage. Doch bevor Nicolae die steilen Stufen wieder herabstieg, holte er etwas aus den Tiefen seiner Manteltaschen hervor.

»Fast hätte ich’s vergessen. Die soll ich dir geben, Mihai. Sie sind vom uralten Petru, den ich vorhin auf meinem Ritt ins Dorf getroffen habe. Er wünscht dir ein gesegnetes Weihnachtsfest.«

Damit stellte Nicolae ihm zwei Flaschen hin.

»Oh, der Gute!«, lachte der alte Mann zufrieden und legte den Federkiel zur Seite. Die Runzeln in seinem Gesicht vertieften sich zu einem Ausdruck höchster Vorfreude. »Es ist Ţuica.«, flüsterte er Nicolae vertrauensvoll zu. »Die beste weit und breit. Kein anderer versteht sie so zu brennen wie der uralte Petru und sein Sohn.«

Kichernd entkorkte Mihai eine der beiden Flaschen. Dann holte er aus dem Schubfach seines Pultes ein kleines Glas hervor, goss sich einen Schluck ein und trank. Nicolae konnte geradezu sehen, wie die klare Flüssigkeit die stets trockene Kehle des alten Mannes hinunterlief. »Aaah…! Wie Balsam, das Zeug«, brummelte dieser sehr zufrieden. »Die reinste Medizin. – Jaja, der gute uralte Petru. Gott schütze ihn!«

Grinsend entfernte sich Nicolae und ließ den alten Mann mit seiner Chronik und der Ţuica wieder allein.

aus: Nicolae - Hinter den Pforten, Seite 236-237 (gekürzt)

 

 

»Vergib mir Vater, denn ich habe gesündigt!«

»Sprich, mein Sohn!«

»Ich habe etwas ganz Schreckliches getan, părinte, und ich schäme mich deswegen furchtbar! Ich glaube auch, dass Gott mich bereits bestraft hat, durch die Folgen meiner Missetat!«

»Nun, was hast du denn so Schlimmes getan, mein Sohn?«

»Ich habe, aus Versehen quasi – oder nein, weil die Neugier mich trieb – einen Brief meiner Tante gelesen, den sie ihrer Freundin in Amerika geschrieben hatte. Der Brief lag zusammengefaltet zwar, aber noch nicht kuvertiert auf ihrem Schreibsekretär. Es war ein ganz dicker Packen und da bin ich neugierig geworden, was sie wohl so alles zu schreiben hätte an ihre Freundin. Ich weiß, dass man das nicht tun darf und dass das ein furchtbarer Vertrauensbruch war, und ich schäme mich auch ganz schrecklich deswegen, aber es ist nun einmal passiert und durch nichts wieder gutzumachen.«

»Hast du deine Tante dafür schon um Verzeihung gebeten?«

»Oh nein, das kann ich nicht, părinte, sie darf niemals erfahren, dass ich ihren Brief heimlich gelesen habe, wirklich niemals!«

»Und warum nicht?«

»Nun, weil der Inhalt ... also der Inhalt, der war alles andere als für mich bestimmt, also ich meine, er war selbstverständlich nicht für mich bestimmt, denn sie hatte ihn ja an ihre Freundin geschrieben, aber für mich war er geradezu verboten!«

»Das versteht sich.«

»Ach, ich wünschte, ich hätte diesen Brief niemals gelesen! Aber was soll ich tun? Ich kann es doch nicht ungeschehen machen.«

»Das kannst du wohl nicht, aber du kannst das Gelesene möglichst schnell vergessen und geloben, so etwas nie wieder zu tun.«

»Das ist genau mein Problem, părintele Ştefan. Das kann ich nämlich leider nicht! Also, ich meine, ich kann selbstverständlich auf der Stelle geloben, so etwas nie wieder zu tun, was ich hiermit tue, aber das Gelesene schnell wieder vergessen, das kann ich nicht. Ich fürchte, es will mir nie wieder aus dem Kopf. Ich kann meiner Tante seitdem kaum noch in die Augen schauen, aber leider nicht wegen meiner Schandtat, sondern wegen ihrer Zeilen!«

»War der Inhalt des Briefes denn so schlimm für dich?«

»Er war ... mehr als das. Er macht mich furchtbar unglücklich und auch wütend. Am liebsten würde ich mit meinem Vater darüber reden, aber genau das werde ich niemals tun dürfen, und ich kann auch nicht mit meiner Tante darüber reden, weil sie ja sonst wüsste, dass ich ihren Brief gelesen habe. Ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich tun soll. Die ganze Sache macht mich ganz krank.«

»Das Einzige, das du tun kannst, mein Sohn, ist, deiner Tante gegenüber geständig zu sein, Reue zu zeigen, sie um Vergebung zu bitten und dann in aller Ruhe mit ihr über das, was dich so sehr an ihren Zeilen erregt hat, zu reden.«

»Das geht beim besten Willen nicht, părinte. Wenn ich das täte, würde sie uns auf der Stelle verlassen, da bin ich mir sicher.«

»Nun, dann musst du die dich quälenden Zeilen ertragen und sie, wie du selbst eingangs sagtest, als Strafe Gottes ansehen. Es wird dir eine Lehre sein, so etwas nie wieder zu tun. Ich sehe, dass du bereits zutiefst bereust und genug bestraft bist, darum erlasse ich dir weitere Bußen. Gehe hin in Frieden, mein Sohn.«

»Ich danke Euch, părinte, Ihr seid zu gütig. Aber ich will eine Strafe, ich will Buße tun! – Părintele Ştefan? Haltet Ihr meinen Vater für einen gottesfürchtigen Mann?«

»Wie kommst du dazu, mir so eine Frage zu stellen, mein Sohn?«

»Ich bitte um Verzeihung, părinte, aber wen sonst sollte ich fragen außer Euch? Eure Meinung dazu ist mir sehr wichtig.«

»Junger Herr, mein Amt gebietet mir, meine Schäfchen zu hüten, sie auf Gottes Weide zu führen und sie dort grasen zu lassen, nicht, zu bemessen, wie viel sie von Gottes Speise aufgenommen haben und sie danach zu beurteilten. Das steht nur Gott allein zu.«

»Heißt das – nein?«

»Das heißt gar nichts, junger Herr! Euer Vater zeigt sich meiner Kirche und den Bergklöstern dieser Region gegenüber mehr als großzügig. Und war es nicht er selbst, der Euch, ein verirrtes Lamm, zurück in die Arme der Kirche getrieben hat?«

»Heißt das – ja? Dann ist unser Haus also doch nicht gottlos, oder? Oder, părinte? Ich meine, wir haben sogar eine Schlosskapelle, auch wenn sie verschlossen ist. Warum, warum ist sie verschlossen? Wisst Ihr das, părintele Ştefan?«

»Die Antwort auf die letzte Frage kann nur Euer Vater Euch geben, junger Herr. Die Antwort auf die davor, findest du in dir selbst, mein Sohn!«

 

aus: Nicolae - Hinter den Pforten, Seite 300-301