Leseproben

Der Raum war voller Fremder, die wie Schatten hin und her huschten. Zwischendurch blieben einzelne von ihnen stehen und schauten sich ratlos um, fragten die Vorbeigehenden etwas und hasteten dann suchend weiter. Manche notierten sich etwas auf Blöcken, bevor sie zielstrebig weitergingen, andere ließen sich einfach von der Masse treiben.

Das Bett neben ihm war leer. »Wo ist meine Tante?«, fragte er die Vorbeigehenden. »Hat jemand von Ihnen meine Tante gesehen?« Sie schienen ihn nicht zu hören. Einen nach dem anderen sprach er an, doch sie gingen wortlos vorüber, um schließlich durch eine der vielen Türen zu verschwinden, die er zuvor nie bemerkt hatte.

»Tante Judith!«, rief er aus voller Kehle. »Wo bist du?«

Meint Ihr die Rothaarige, junger Mann? Ein Herr im Gehrock war neben seinem Bett stehen geblieben. Sie schiebt den Rollstuhl.

»Den Rollstuhl? Den Rollstuhl der Krüppelin?«

Es ist eine Erkrankung des Nervensystems. Inoperabel. Nicht therapierbar.

Der Arzt ging weiter.

Plötzlich entdeckte Nicolae inmitten der Leute seinen Schatten. Tudor wandte sich mit einem vielsagenden Lächeln zu ihm um. Wir sehen uns bald wieder, Wächter ... Verwirrt schaute Nicolae ihm hinterher, bis dieser ebenfalls durch eine der vielen Türen verschwand.

»Wächter? Was soll ich denn bewachen?«

Die Türen, Nicolae!, rief ihm von Ferne eine vertraute Stimme zu. Es sind Pforten zu anderen Welten. Nur du kannst den Umherirrenden die richtige Tür weisen.

»Aber wieso laufen dann alle einfach an mir vorbei?«

Weil du sie bisher nicht wahrgenommen hast. Du hast deine Augen zu lange geschlossen gehalten. Du musst sie öffnen – für alle Welten.

Die vertraute Stimme war näher gekommen. Plötzlich entdeckte er inmitten der betriebsamen Menschenmenge ihr Gesicht. Seine Augen leuchteten grünlich im Zwielicht des Raumes.

Schau hinter die Türen, Nicolae! Du wirst dich wundern ... 

Ein geheimnisvolles Lächeln legte sich um seinen Mund. Dann verblasste das Gesicht und löste sich, wie sein Schatten zuvor, in der Menge auf.

Erhebe dich, Nicolae!, hörte er die Stimme plötzlich in aller Deutlichkeit in seinem Kopf.

Folgsam schlug er die Bettdecke zurück und blickte staunend auf seine Schienbeine, die unter dem Nachthemd hervorschauten. Sie waren muskulös und behaart. Beunruhigt fuhr er sich ins Gesicht und spürte den Flaum auf seiner Oberlippe.

Von jetzt ab wirst du deinem Vater bei seiner Aufgabe zur Seite stehen, befahl die Stimme. Die Zeit ist reif. Stehe auf und schließe alle Türen, bis auf die eine!

Nicolae gehorchte und schloss eine Tür nach der anderen, nachdem die Menschen hinter ihnen verschwunden waren. Nur eine ließ er geöffnet.

»Und Tante Judith? Habe ich sie jetzt womöglich ausgesperrt? Was ist, wenn sie nicht zu mir zurückfindet?«

Das wird sie, Nicolae. Dein Vater passt auf ihre Schritte auf und wird sie dir zur Seite stellen, sobald es vonnöten ist.

»Nein, sie steht jetzt der Krüppelin zur Seite! Jemand hat sie ihren Rollstuhl schieben sehen.«

Du bist eifersüchtig, Nicolae. Du solltest dich schämen!

Das Gesicht seines Vorfahren tauchte dicht vor dem seinen auf und schaute ihm streng auf den Grund seines Herzens. Nicolae spürte, wie ihm das Blut zu Kopfe stieg.

»Warum ist sie in unsere Welt eingedrungen? Warum?«, fragte er seinen Vorvater und gewahrte zu seiner Schande, dass sein Ton dem eines quengelnden Kindes glich. »Sie gehört nicht zu uns! Es war alles gut so, wie es war.«

Dein Vater hat sie aus ihrer Welt gerettet.

»Gerettet?«

Sie war eine Suchende, eine Sehnende. Dein Vater hat sie aufgespürt und ihr den Weg in unsere Welt gewiesen. Das ist seine Aufgabe, Nicolae, wie es fortan deine Aufgabe sein wird. Du musst den Suchenden den Weg weisen, ihnen die richtigen Türen öffnen, damit sie unsere Welt betreten können. – Doch nur jene, die dafür bereit sind.

»Woher weiß ich das?«

Du wirst es wissen!

»Ich brauch meinen Vater, wenn schon meine Mutter nicht bei mir sein kann, oder wenigstens meine Tante. Aber die Krüppelin hat mir beide genommen. Ich fühl mich einsam in diesem Raum.«

Wie kannst du einsam sein, Nicolae, wenn ich bei dir bin?

»Ihr seid nur ein Traum, das weiß ich. Ihr seid nicht real. Nur ein Geist, der gelegentlich zu mir spricht.«

Nur ein Geist? Ist ein Geist etwa nichts, nur weil ihn die Sterblichen nicht sehen können? – Demnach wäre Gott auch nichts, denn Ihn können die Menschen auch nicht sehen!

»Aber sie können Ihn spüren! Viele sprechen mit Ihm, und Er hört ihnen zu. Mit einigen spricht auch Er.«

Wie du redest, Nicolae! Wie ein Kind! – Sprichst du mit mir etwa nicht? Höre ich dir etwa nicht zu? Spreche ich etwa nicht zu dir? Du kannst mich sogar fühlen. – Hier, nimm meine Hand!

Erschrocken wich Nicolae zurück.

»Nein!«, rief er aus. »Geister haben keinen Körper. Meine Hand würde durch Eure hindurchgreifen wie durch einen weißen Nebel.«

Was du nicht alles zu wissen glaubst! Ein leises metallisches Lachen füllte Nicolaes Ohr und ließ ihn erschauern.

Im nächsten Augenblick fand er sich in den starken Armen seines Vorfahren wieder. Er gewahrte den Geruch, der von seinem langen, gelockten Haar ausging.

»Ihr riecht nach Honig und Jute, Großvater.«, sagte Nicolae und erschrak. Doch sein ehrwürdiger Vorfahr schien sich nicht an dieser Anrede zu stoßen. Nicolae spürte dessen schwere Hand auf seinem Kopf ruhen, während kalte Lippen seine Stirn berührten.

Mein Kopf lag lange Zeit in einem Sack mit Honig, vernahm er die Antwort, zwecks Konservierung.

Als Nicolae den Blick hob, blieben seine Augen unwillkürlich an der Kehle seines Vorfahren hängen, wo eine hässlich geschwollene Linie blassrot hervortrat, an der einst der Kopf vom Leib getrennt worden war.

Ein entsetzlicher Gestank von Blut und Innereien stach ihm auf einmal in die Nase, fremdländische Schlachtrufe gellten ihm in den Ohren und ein Gemetzel von bluttriefenden Klingen und Körper-teilen schob sich vor seine Augen. Ein Bild, das ihm schon einmal vor Grauen das Herz fast zum Stehen gebracht hatte.

»Hört auf!«, schrie Nicolae vor Entsetzen. »Ich will das nicht schauen! Ich will das nicht hören! Ich will das nicht riechen! Hört auf damit!«

Im nächsten Augenblick umgaben ihn Dunkelheit und Stille, sogar sein aufgeregtes Herz schwieg. Abermals spürte er eine schwere Hand auf seinem Kopf, während kalte Lippen seine heiße Stirn berührten. Er traute sich kaum, die Augen zu heben, zu sehr fürchtete er den Anblick der grässlichen Narbe.

»Nicolae, du zitterst! – Komm, nimm eine zusätzliche Decke!«

Erst jetzt bemerkte er den erdigen Geruch, der den des Honigs überlagerte. Erleichtert schlug er die Augen auf.

»Ich hatte einen ganz furchtbaren Traum, Papa!«

»Ich weiß, Nicolae. Ich weiß.«

 

aus: Nicolae - Jenseits der Wälder, Seite 561-564

 

 

Rosemarie war bei ihren ersten Begegnungen wie immer etwas befangen und sprach nur wenig. Nicolae erzählte ihr darum von seinem vergangenen Schuljahr […]

Während seines Redeschwalls hatte er den erschrockenen Blick seiner Freundin gar nicht bemerkt, doch als er jetzt kurz zu ihr aufschaute, sah er, was er angerichtet hatte.

»Du brauchst dich nicht um mich zu sorgen, Rose, aus irgendeinem Grunde lässt das Pentagramm mich in Ruhe, obwohl es sich sonst mit Vorliebe uns Rumänen vorknöpft. Selbst den László, unseren ungarischen Mitschüler, haben sie neulich durch den Wolf gedreht. Das hat vielleicht Ärger gegeben, sag ich dir! Lászlós Vater ist nämlich ein hohes Tier bei der Gendarmerie, deshalb hat er sogleich eine offizielle Beschwerde eingereicht. Die konnte der Herr Bürgermeister nicht ignorieren und auch der Herr Amtsrat, Frieders Vater, nicht. So haben wir es jedenfalls gehört, denn Tudor […] wusste zu berichten, dass sich unsere fünf Spitzen der Gesellschaft daraufhin eine ordentliche Ration von Rektor Liebermann haben abholen müssen und zwar drei Tage hintereinander, sowohl vor Unterrichtsbeginn als auch nach Schulschluss, damit sie auch am Nachmittag noch was davon hätten, plus einen Eintrag in die Schulakte. Bei drei Einträgen blüht ihnen ein Schulverweis! Endlich war dem Pentagramm das dämliche Grinsen mal vergangen. Hat nur leider nicht lange gehalten.«

»Was haben sie denn mit dem Ungarn gemacht?«, fragte Rosemarie, die Atempause Nicolaes nutzend.

»Sie haben dem armen Kerl nach der Schule aufgelauert, einen Streit mit ihm angefangen und ihn hinter einem Gebüsch ordentlich zugerichtet. Dann haben sie ihm gedroht, er und sein Vater solle sich mitsamt seinen Landsleuten schleunigst wieder aus der Stadt verziehen, denn Hermannstadt sei deutsch und würde es auch immer bleiben, dafür würden sie schon sorgen.« Als Nicolae den fragenden Blick seiner Freundin bemerkte, fügte er hinzu: »Du musst wissen, Rose, dass, seit vor einigen Jahren die Doppelmonarchie eingeführt wurde, ganz Transsilvanien wieder von den Ungarn verwaltet wird. Nach und nach ziehen sie in alle wichtigen Ämter ein. Es ist sogar im Gespräch, dass in absehbarer Zeit Ungarisch als Pflichtfach an den Schulen unterrichtet werden soll, denn das ist dort inzwischen die offizielle Amtssprache. Die Posten in der Gendarmerie, im Gericht oder im Rathaus werden immer öfter von Ungarn bekleidet, und das passt den Sachsen natürlich gar nicht, die sich unter der Herrschaft der Habsburger selbst verwalten durften. Sie fühlen sich aus ihren Ämtern gedrängt und fürchten um ihre Eigenständigkeit. Unter den Österreichern durften sie nämlich jahrzehntelang ihr eigenes Süpplein kochen, denn man pflegte ja ohnehin eine gemeinsame Sprache und eine ähnliche Kultur. Selbst als 1866 der Krieg zwischen Österreich und Preußen ausbrach, behielten die Siebenbürger Sachsen ihre Sonderstellung inmitten des Habsburger Reiches. Doch nun hat Ungarn nach der Niederlage der Habsburger seine Eigenständigkeit zurückerhalten. Deshalb schielen die Sachsen jetzt nach Preußen oder vielmehr zum deutschen Reich, das Bismarck in letzter Zeit so groß gemacht hat. Weißt du, den Bismarck, den verehren unsere Lehrer sehr, weit mehr jedenfalls als ihren Kaiser Wilhelm.«

»Wie du redest, Nicolae! Wie ein Alter. Woher weißt du das alles?«

»Weiß ich doch gar nicht. Ich beobachte nur. Und höre zu, was die Erwachsenen so reden. Und dann denke ich mir meinen Teil. Vielleicht denke ich ja auch verkehrt, vielleicht ist auch alles ganz anders. – Mein verschollener Patenonkel, der hätte mir gewiss viel zu diesem Thema erzählen können, der kannte sich gut aus in der Weltgeschichte. Oder aber auch Professor Wilson, der das alles ja sogar studiert hat, der wüsste es wohl richtig zu erzählen. Papa weiß es garantiert auch, aber was die Siebenbürger Sachsen anbelangt, da hält er sich immer bedeckt. Ich habe ihn jedenfalls noch nie etwas Schlechtes über sie sagen hören, ich meine, schließlich ist unser Heinrich ja auch ein halber Sachse, und unsere Traudl kommt aus dem Banat und ist ebenfalls eine Deutschstämmige. Papa guckt nicht so sehr auf die Nationalität. Er sagt, Dumme gibt es in jedem Volk, darum sei es auch nicht wichtig, ob einer von rechts oder links oder von oben oder unten käme.«

»Von oben oder unten?«, fragte Rosemarie verwirrt.

»Er meint, es sei unwichtig, welchem Volk oder Stand jemand angehört, es käme vielmehr auf die richtige Gesinnung an.«

»Gesinnung? Was ist denn das, Nicolae?«

»Na, wie jemand denkt und sich benimmt und so was.«

»Ist deshalb der Türke mit dem kleinen Mädchen bei euch zu Besuch? Hat er die richtige Gesinnung?«

»Genau. Er hat die richtige Gesinnung. Herr Varnali ist ein langjähriger Freund Papas. Sein Vorname Özay bedeutet: Dessen Wesen rein wie der Mond ist. …

So plapperte er fort, bis ihm die Worte ausgingen. Dann und wann sah Rosemarie bewundernd zu ihm auf, um im nächsten Augenblick scheu ihren Blick zu senken.

»Rose, jetzt habe ich dir so viel über mein Leben in der Schule und die Welt jenseits der Wälder erzählt«, sagte er, »und du hast bisher nur geschwiegen. Wie ist es dir inzwischen ergangen?«

Nicolae sah sie nur kurz mit den Schultern zucken. »Wie soll es mir schon ergangen sein? So wie immer, schätze ich.«

Nach einer Weile stand sie auf und bündelte die Ruten.

»Musst du schon gehen?«, fragte er enttäuscht.

Sie nickte abermals.

»Schade!« Er erhob sich ebenfalls. »Ich hätte gerne noch etwas mehr von dir gehört.«

»Warum?«, fragte sie leise und trat sich verlegen auf die Zehen. »Ich kann dir ohnehin nichts erzählen, Nicolae.«

Der Blick, der ihn traf, war unendlich traurig.

»Das brauchst du auch nicht, Rose«, rief er eilig aus. »Es reicht, wenn du bei mir bist. – Morgen reisen wir bereits in die Hauptstadt, aber Anfang August kommen wir zurück. Bis dahin werden die Blaubeeren reif sein.«

Sie nickte, während sie mit ihren Zehen Grashalme zupfte. Dann schulterte sie das Rutenbündel und ging gebeugten Hauptes heim.

 

aus: Nicolae - Jenseits der Wälder, Seite 116-120 (gekürzt)