Kurzvorstellung

 

Band 4 der Nicolae-Saga

 

- über 600 Seiten voller Spannung und abenteuerlicher Geschichten

 

- mystische Szenen aus der Welt der Daker und Kelten

 

- Europa vor Ausbruch des russisch-türkischen Krieges

 

- eine mitreißende Lese-Wanderung durch das Land der Rumänen

Klappentext

"... und ihre vom Elend gezeichneten Gesichter wurden zur lebendigen Geschichte eines ganzen Volkes ..."

 

Während Nicolae den Schatten der Vergangenheit zu entfliehen sucht, lernt er auf seiner Wanderschaft Land und Leute jenseits der Bukarester Paläste und seines abgeschiedenen Bergdorfs kennen. Aufenthalte bei einem Köhler, einem Obstbauern und einer Dorfhure lassen ihn eine Menge über sich selbst erfahren.

 

In der Donaustadt Severin begegnet Nicolae dem neunjährigen Marian, der sich und seine Familie mit kleinen Gaunereien über Wasser hält - bis sich der Junge eines Tages mit den falschen Leuten einlässt ...

 

Nicolae erlebt, wie schnell Armut und Hoffnungslosigkeit zu Gewalt und Kriminalität führen können. Zwischen Freundschaft und den ersten Erfahrungen körperlicher Liebe gerät er bei einer bürgerlichen Familie in die Mühlen von Heuchelei und Intrige. Er flieht zurück zu seinen Wurzeln, wo er sich ungeheuerlichen Aufgaben gegenübersieht.

 

Unterdessen gerät die Welt hinter den Mauern des Karpatenschlosses immer mehr aus den Fugen. Mit verzweifelter Entschlossenheit sucht Natalia den direkten Weg zu ihrem Vorfahren. Er ist der einzige Halt in ihrer auseinanderbrechenden Welt.


Leseprobe

Verwundert blickte er sich in der kleinen Dachkammer um. Jeder noch so kleine Winkel war vollgestopft mit Büchern, Heften und Mappen, die lose oder gebündelt fast den ganzen Raum einnahmen.

 

Auf einem mit Wachsflecken übersäten kleinen Tisch lagen Stifte und Papier, ansonsten befand sich in der Kammer nur noch ein Bett nebst Ofen. In beidem steckte Meister Elias. Die Füße im Ofenrohr, der Rest halb aufgerichtet unter einem dicken Federbett, musterte er seinen fremden Besucher über die Brillengläser hinweg eingehend.

 

»Ah, Ihr müsst der neue Untermieter der Teodorescus sein. Jaja, Marian hat Euch schon angekündigt, junger Mann. Kann Euch leider keinen ordentlichen Platz anbieten, denn wie Ihr seht, kann man in diesem Mäuseloch kaum stehen. Was soll’s, dafür ist weniger rein zu halten, nicht wahr? – Na kommt, setzt Euch zu mir aufs Bett, hier ist noch ein Plätzchen frei. Marian pflegt dort sonst zu sitzen.«

 

Nur die Fingerkuppen schauten aus seinen dicken Wollhandschuhen hervor, mit denen er sich nun den Griffel hinters Ohr klemmte, das aufgeschlagene Heft zuschlug und auffordernd auf die Matratze neben sich klopfte, dass die Motten nur so hochstoben.

 

»Irgendwann werden sie wohl auch mich zerfressen«, fuhr er grimmig fort, während er wie wild um sich schlug, um die Motten zu vertreiben. »Aber noch ist es nicht soweit, noch bin ich Herr dieser Kammer!« Drohend stieß er die Faust in die Luft.

 

Nicolae nahm widerwillig auf dem zerschlissenen Betttuch Platz und schämte sich für seine spröde Haltung. Rein äußerlich passte er gut in dieses verwahrloste Dachverlies. Die Flecken und Risse auf Meister Elias’ Hausmantel unterschieden sich kaum von den seinen.

 

»Was sind das für Schriften, mit denen Ihr hier lebt?«

 

»Oh, das sind meine Freunde. Es sind zum einen Werke bekannter Philosophen, zum anderen meine eigenen kleinen Weisheiten, die ich in diesem Loch zu Papier bringe.«

 

»Ihr seid also ein Gelehrter? Ein Dichter und Denker?«

 

»Ich muss mich wohl zu dieser brotlosen Zunft bekennen, ja. Im Sommer jedoch krieche ich aus meinem Schlupfwinkel hervor wie die Raupe aus ihrem Kokon und ziehe hinaus in die Wälder. Dort, unter freiem Himmel, lasse ich mich von Gottes Schönheit beflügeln und sammle den Nektar des Lebens, um später, über die langen Wintermonate, mithilfe von Papier und Tinte den Honig daraus zu machen. Stellenweise ist er recht zähflüssig, wie ich zugeben muss, manchmal gar klebrig, aber wenn man auf der Zunge genau nachspürt, kann man das Bittere darunter schmecken. – Aber Ihr seid nicht hier, um mit mir über Philosophie zu sprechen, obwohl Ihr einen Rat zum Überleben sucht, wie Marian mir sagte. Was habt Ihr mir mitgebracht, um mir gefällig zu sein, junger Mann?«

 

Nicolae stutzte. »Ich habe nichts, was ich Euch geben könnte!«, rief er erschrocken. »Nichts außer dem, was Ihr hier vor Euch seht.«

 

»Das ist doch aber eine ganze Menge! Erzählt mir ein wenig von Eurer Vergangenheit, dann erzähle ich Euch ein wenig von Eurer Zukunft.«

 

»Seid Ihr denn so etwas wie ein Weissager?«

 

»Aber nein, Jungchen«, lachte der Alte und schob sich vergnügt die mottenzerfressene Zipfelmütze zurecht. »Doch nur die Vergangenheit kann dir Auskunft über deine Zukunft geben.«

 

Der eindringliche Blick Meister Elias’ ließ Nicolae nervös auf seinem Platz hin und her rutschen.

 

»Ich kann nicht«, stieß er schließlich hervor und erhob sich. »Es tut mir leid, Euch umsonst gestört zu haben, aber ich weiß nichts mehr über meine Vergangenheit. Nur, was Ihr vor Euch seht, kann ich Euch bieten, alles andere habe ich unterwegs verloren.«

 

»Und welche Geschichte pflegt Ihr den Leuten ansonsten aufzutischen?«

 

»Eine erfundene, die gut verträglich ist, die niemanden verstören muss. – Ich will nur leben, Meister Elias.«

 

»Das wollen wir alle, Jungchen, das wollen alle. Doch ohne deine Vergangenheit bist du nichts, nur eine Eintagsfliege. Die fragt auch keiner, woher sie kommt oder wohin sie will, denn bevor sie mit ihrer Antwort fertig wäre, wäre ihr Leben bereits verwirkt. – Du tätest also gut daran, sie wiederzufinden, deine Vergangenheit, sonst sehe ich für dich keine Zukunft, mein Junge.« 

 

Seite 258 bis 259 im Buch