19. Jahrhundert - jenseits Industrie und Technik

- Walzer -

Das 19. Jahrhundert tanzt im Dreivierteltakt! Der Walzer hält seinen Siegeszug durch ganz Europa und durch sämtliche Gesellschaftsklassen. Die gefälligen und schwungvollen Melodien des Walzerkönigs Johann Strauss (1825 -1899) tun das Übrige dazu.

Zunächst als unschicklich verpönt, weil sich beim Walzer Mann und Frau dicht gegenüberstehen und umfassen, löste er dennoch den höfischen Menuetttanz mit seinen komplizierten Schrittfolgen und strengen Formationen endgültig ab. Seit dem Wiener Kongress (1814/15) galt er als gesellschaftsfähig.

Wilhelm Gause (1853-1916): Hofball in Wien / Pierre-Auguste Renoir: Tanz im Moulin de la Galette / Quelle: Wikimedia Commons
Wilhelm Gause (1853-1916): Hofball in Wien / Pierre-Auguste Renoir: Tanz im Moulin de la Galette / Quelle: Wikimedia Commons

Erstmals gibt es eine Vielzahl frei tanzender Paare auf dem Parkett. Die Betonung liegt nunmehr im individuellen Ausdruck. Dies zeigt deutlich das neue Lebensgefühl der Menschen und sowie deren Wunsch, sich von den vom Klerus und Adel vorgegebenen Konventionen zu befreien. Insofern kann der Walzer als revolutionärer Tanz angesehen werden. Sowohl in den Palästen als auch in den Straßencafes wurde er getanzt und auf Gemälden wie oben verewigt.

 

Der Walzer (walzen=sich drehen) hat sich aus volkstümlichen Tänzen wie dem Ländler und dem Deutschen entwickelt. Er stand in der Operette, die in der zweiten Hälfte des 19. Jh. populär wurde, im Mittelpunkt.

 

- Mode -

Der Begründer der Haute Couture ist kein Franzose, sondern der Engländer Charles Frederick Worth (1826-1895). Er eröffnete 1858 in Paris seinen Salon „Worth et Bobergh“.

Das Besondere: Statt von den Wünschen reicher Kundinnen, ist seine Mode von eigenen Ideen bestimmt. Er ist der Erste, der Mode selbst kreiert und diese an lebendigen Modellen, statt an Schneiderpuppen, vorführt.

In den Sechzigern des 19. Jh. macht er die Krinoline (Unterrock aus Stahlreifen) zur Weltmode, in den Siebzigern die Tournüre (Polster zur Betonung des Steißes).

Zu seinen prominentesten Kundinnen gehörten Englands Königin Victoria und Österreichs Königin Elisabeth (Sisi).

 

Kaiserin Elisabeth mit Krinoline 1865 + Pariser Mädchen mit Tournüre 1874 / Quelle: Wikimedia Commons
Kaiserin Elisabeth mit Krinoline 1865 + Pariser Mädchen mit Tournüre 1874 / Quelle: Wikimedia Commons

Anm: Das Gemälde, das "Sisi" darstellt, stammt von Franz Xaver Winterhalter (1805-1873), "Die Dame in Blau" von Pierre-Auguste Renoir (1841-1919)

 

Bereits im 19. Jahrhundert gab es Modejournale, aus denen die Damen der Gesellschaft die neuesten Trends erfuhren. Diese gab es auch für Puppenmütter. Darin enthalten waren oftmals Schnittbögen und Strickanleitungen, damit die Mädchen die abgebildeten Puppenkleider nachfertigen konnten. Die Kleidung für die Puppendame fiel kaum anders aus als diejenige für die kleine oder große Dame. In der gehobenen Gesellschaft statteten so manche Hausschneider nicht nur Mutter und Tochter, sondern auch die Puppe mit der neuesten Mode aus.

 

Renoir: Mädchen am Klavier, Mädchen mit Gießkanne, Mädchen mit Reifen /      Monet: Jean mit Spielpferd / Quelle: Wikimedia Commons
Renoir: Mädchen am Klavier, Mädchen mit Gießkanne, Mädchen mit Reifen / Monet: Jean mit Spielpferd / Quelle: Wikimedia Commons

- Kindheit -

Trotz der pädagogischen Lehren Rousseaus (1717-1778), Pestalozzis (1746-1827) und Fröbels (1782-1852) war im 19. Jh. der Begriff Kindheit noch nicht im heutigen Sinne geprägt. Kinder waren lediglich kleine Menschen, die auf das Leben der großen Menschen vorbereitet werden mussten. Daher gehörten zum traditionellen Spielzeug der Buben Steckenpferd und Zinnsoldaten; für  Mädchen gab es eine Puppe, bei den Bessersituierten auch ein Puppenhaus. Dieses enthielt ebenso filigran gearbeitetes Mobiliar wie im richtigen Haus und war daher nur mit äußerster Vorsicht und Sorgfalt bespielbar – Eigenschaften, die durchaus erwünschenswert waren.

Ansonsten unterschied sich das Leben von Kindern nicht allzu sehr von dem der Erwachsenen. Sie hatten sich in die Erwachsenenwelt einzufügen.

Kinder armer Leute wurden so früh wie möglich zur Arbeit geschickt oder mussten im Haus mitarbeiten. Die Erziehung der Kinder reicher Leute wurde in die Hände von Gouvernanten gelegt, die in erster Linie darauf zu achten hatten, dass die Kinder nicht lärmten oder sich schmutzig machten. Der gepflegte Spaziergang im Park ersetzte das Herumtollen im Freien.

Edouard Manet: Die Eisenbahn + Die Wäsche/Pierre Auguste Renoir: Nachmittag der Kinder + Der Spaziergang / Quelle: Wikimedia Commons
Edouard Manet: Die Eisenbahn + Die Wäsche/Pierre Auguste Renoir: Nachmittag der Kinder + Der Spaziergang / Quelle: Wikimedia Commons

- Spiele -

Während sich die Gesellschaftsspiele im 18. Jh. noch nicht von denen der Kinder unterschieden, gab es im 19.Jh. immerhin schon einen pädagogischen Ansatz. So gab es Spielratgeber für junge Mütter, in denen Glücksspiele jeglicher Art verworfen, gesittete Spiele wie Schach oder Bridge hingegen empfohlen wurden. Pfänderspiele erlaubten die Grenzen des Anstandes in einem kontrollierten Maße zu überschreiten und waren daher besonders bei jungen Erwachsenen sehr populär. Doch waren dem kindlichen Spiel deutliche Grenzen gesetzt. In einem deutschen Familienratgeber von 1856 gilt das Verbot des Steckenpferdspieles für Mädchen „weil es sie dazu verleite, einen bestimmten Körperteil in schädlichem Maße zu reizen.“

Papiertheater aus einem Nürnberger Spielzeug-Musterbuch des 19. Jahrhunderts / Quelle: Wikimedia Commons
Papiertheater aus einem Nürnberger Spielzeug-Musterbuch des 19. Jahrhunderts / Quelle: Wikimedia Commons

Durch die technische Weiterentwicklung optischer Gerätschaften wurden  Guckkästen, Dioramen-Ausstellungen und Tisch-Stereo-Betrachter sehr populär. An Perspektivtheatern erfreuten sich Alt und Jung. Kinder waren von Kaleidoskopen, Farbkreiseln und Wunderscheiben fasziniert, ebenso von Traumatopen (Drehscheiben) und Daumen-kinos, also allem, was eine optische Illusion hervorruft.

 

„Das PAPIERTHEATER bot Theaterbegeisterten die Möglichkeit, das auf der großen Theaterbühne gesehene im privaten Rahmen nachzustellen. Ursprünglich eine Liebhaberei für Erwachsene, wandelte sich diese Kunstform ab 1850 zum pädagogisch wertvollen „Kindertheater“. Die weit verbreiteten lithographischen Vorlagenbögen erreichten hohe Auflagen und prägten die Vorstellungswelt mehrerer Kindergenerationen." [Auszug aus der Internetseite des Altonaer Museums]

 

Anm,: Wer sich für optisches Spielzeug interessiert, dem sei die Dauerausstellung „Optische Wunderkammer – Vom Papiertheater über die Laterna Magica bis zum Videoclip“ im Altonaer Museum in Hamburg empfohlen.

 

Ferdinand du Puigaudeau (1864-1930) Schattenspiel: The Rabbit / Quelle: Wikimedia Commons
Ferdinand du Puigaudeau (1864-1930) Schattenspiel: The Rabbit / Quelle: Wikimedia Commons

Die LATERNA MAGICA führte im 19. Jahrhundert die Tradition des Schattenspieles fort und bildete den direkten Vorläufer des Dia- und des Kinoprojektors. Mit farbenprächtigen Bildern, Tricks, Musik und spektakulären Effekten begeisterten die Projektionskünstler ihre Zuschauer. Stärker noch als beim PAPIERTHEATER wurde ein breites Themenspektrum bedient und das Publikum in einem Gemeinschaftserlebnis in ferne, kuriose und lehrreiche Bildwelten entführt.“ [Auszug aus der Internetseite des Altonaer Museums]

 

Laterna Magica - Vorführung / Quelle: Wikimedia Commons
Laterna Magica - Vorführung / Quelle: Wikimedia Commons

Montagespiele – die Vorläufer der Puzzles – kamen in Mode, bei denen Farblithographien auf Holzsegmente aufgetragen wurden. Dreidimensionale Verwandlungsbilderbücher – heute kennt man sie unter Pop-Up-Bilderbuch – zum Aufstellen, Auseinanderklappen, Drehen, Ziehen, Stecken waren der Renner.