Aurelias Lieblingstexte und -zitate

Oscar Wilde

Oscar Wilde (1854-1900) / Quelle: Wikimedia Commons
Oscar Wilde (1854-1900) / Quelle: Wikimedia Commons

"Der Künstler sollte schöne Dinge schaffen, aber nichts aus seinem eigenen Leben hineinbringen. Wir leben in einer Zeit, in der die Menschen die Kunst betreiben, als sei sie eine Art Selbstbiographie. Wir haben den reinen Sinn für die Schönheit verloren."

 

"Harmonie von Seele und Leib - was bedeutet das! Wir in unserem Wahnsinn haben beide getrennt und einen Realismus erfunden, der gemein ist, und einen Idealismus, der leer ist."

 

"Die Selbstverstümmelung der Wilden lebt tragisch fort in der Selbstverleugnung, die unser Leben verdirbt. Wir werden gestraft für unsere Entsagungen. Jeder Trieb, den wir zu unterdrücken suchen, brütet in unserer Seele ein Gift aus, an dem wir zugrunde gehen."

 

"Die moderne Sittlichkeit besteht darin, dass man die Maßstäbe seiner Zeit annimmt. Ich bin der Meinung, dass jeder kultivierte Mensch, der die Maßstäbe seiner Zeit annimmt, damit so etwas wie die gröbste Immoralität begeht."

 

 

Aus dem Roman: Das Bildnis des Dorian Gray

 

September 2013 


WILDE'sche BONMOTS


"Es ist wichtiger, dass sich jemand über eine Rosenblüte freut, als dass er ihre Wurzel unter das Mikroskop bringt."


"Heutzutage kennen die Leute von allem den Preis und nicht den Wert."


"In früheren Zeiten bediente man sich der Folter. Heutzutage bedient man sich der Presse."


"Wer nicht auf seine eigene Art denkt, denkt überhaupt nicht."


"Ich reise niemals ohne mein Tagebuch, man sollte immer etwas Aufregendes zu lesen haben."


"Das Durchschnittliche gibt der Welt Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert."


"Leben ist eine Bühne, aber das Stück ist schlecht besetzt."


"Lieber mache ich mir einen Feind, als dass ich auf eine Pointe verzichte."


"Man kann nicht vorsichtig genug sein in der Wahl seiner Feinde."


"Leben ist das Allerseltenste in der Welt, die meisten Menschen existieren nur."


"Ich weiß nicht, warum man so viel Aufhebens um das Komödien-Schreiben macht, man braucht doch nur die Feder in ein Whiskey-Glas zu tauchen."


Thomas Mann

Thomas Mann (1875-1955) / Quelle: Wikimedia Commons
Thomas Mann (1875-1955) / Quelle: Wikimedia Commons

"Torre hat ein Grand Hotel bekommen; zahlreiche Pensionen, anspruchsvolle und schlichtere, sind entstanden; die Besitzer und Mieter der Sommerhäuser und Pineta-Gärten oberhalb des Meeres sind am Strande keineswegs mehr ungestört; im Juli, August unterscheidet das Bild sich dort in nichts mehr von dem in Portoclemente: es wimmelt von zeterndem, zankendem, jauchzendem Badevolk, dem eine wie toll herabbrennende Sonne die Haut von den Nacken schält; flachbodige, grell bemalte Boote, von Kindern bemannt, deren tönenden Vornamen, ausgestoßen von Ausschau haltenden Müttern, in heiserer Besorgnis die Lüfte erfüllen, schaukeln auf der blitzenden Bläue, und über die Gliedmaßen der Lagernden tretend bieten die Verkäufer von Austern, Getränken, Blumen, Korallenschmuck und Cornetti al burro, auch sie mit der belegten offenen Stimme des Südens, ihre Ware an.

[ ... ]

Es war Mitte August, die italienische Saison stand noch in vollem Flor; das ist für Fremde der rechte Augenblick nicht, die Reize des Ortes schätzen zu lernen. Welch ein Gedränge nachmittags in den Garten-Cafes der Strandpromenade [ ... ] Man findet kaum einen Tisch, und die Musikkapellen, ohne dass eine von der anderen wissen wollte, fallen einander wirr ins Wort.

[ ... ]

Ernstlich, man soll im September nach Torre di Venere gehen, wenn das Bad sich vom großen Publikum entleert hat, oder im Mai, bevor die Wärme des Meeres den Grad erreicht hat, der den Südländer dafür gewinnt, hineinzutauchen. Auch in der Vor- und Nachsaison ist es nicht leer dort, aber gedämpfter geht es dann zu und weniger national. Das Englische, Deutsche, Französische herrscht vor unter den Schattentüchern der Capannen und in den Speisesälen der Pensionen, während der Fremde noch im August wenigstens das Gran Hotel, wo wir mangels persönlicherer Adressen Zimmer belegt hatten, so sehr in den Händen der florentinischen und römischen Gesellschaft findet, dass er sich isoliert und augenblicksweise wie ein Gast zweiten Ranges vorkommen mag."

 

Aus der Erzählung: Mario und der Zauberer

 

 

"Ach, ja, die Literatur macht müde, Lisaweta! In menschlicher Gesellschaft kann es einem, ich versichere Sie, geschehen, dass man vor lauter Skepsis und Meinungsenthaltsamkeit für dumm gehalten wird, während man doch nur hochmütig und mutlos ist. [ ... ] Im Ernst, es hat eine eisige und empörend anmaßliche Bewandtnis mit dieser prompten und oberflächlichen Erledigung des Gefühls durch die literarische Sprache."

"Sagen Sie nichts von Beruf, Lisaweta Iwanowna! Die Literatur ist überhaupt kein Beruf, sondern ein Fluch, damit Sie's wissen. Wann beginnt er fühlbar zu werden, dieser Fluch? Früh, schrecklich früh! Zu einer Zeit, da man billig noch in Frieden und Eintracht mit Gott und der Welt leben sollte. Sie fangen an, sich gezeichnet, sich in einem rätselhaften Gegensatz zu den Anderen, den Gewöhnlichen, den Ordentlichen zu fühlen, der Abgrund von Ironie, Unglaube, Opposition, Erkenntnis, Gefühl, der Sie von den Menschen trennt, klafft tiefer und tiefer, Sie sind einsam, und fortan gibt es keine Verständigung mehr. Was für ein Schicksal!

 

Aus der Erzählung: Tonio Kröger

 

Juli 2013

Stefan Zweig

Stefan Zweig (1881-1942) / Quelle: Wikimedia Commons
Stefan Zweig (1881-1942) / Quelle: Wikimedia Commons

"Ich ging allein durch die Nacht dem Ausgang des Praters zu. Alles Gepresste war von mir gefallen, ich fühlte, wie ich ausströmte in nie gekannter Fülle, ich, der Verschollene, in die ganze unendliche Welt hinein. Alles empfand ich, als lebte es nur für mich allein, und mich wieder mit allem strömend verbunden. Schwarz umstanden mich die Bäume, sie rauschten mir zu, und ich liebte sie. Sterne glänzten von oben nieder, und ich atmete ihren weißen Gruß. Stimmen kamen singend von irgendwoher, und mir war, sie sängen für mich. Alles gehörte mir mit einem Male, seit ich die Rinde um meine Brust zerstoßen, und Freude des Hingebens, des Verschwendens schwellte mich allem zu. O wie leicht ist es, fühlte ich, Freude zu machen und selbst froh zu werden aus der Freude: man braucht sich nur aufzutun, und schon fließt von Mensch zu Mensch der lebendige Strom, stürzt vom Hohen zum Niedern, schäumt von der Tiefe wieder ins Unendliche empor."

 

Aus der Erzählung: Phantastische Nacht

 

 

"Nun, warum soll man sich's nicht ansehen, was die Herren Engländer oder Amerikaner drüben machen und uns andrehn für teures Geld. Soll ja, so sagen sie, auch eine Kunst sein, diese Kinospielerei. Aber pfui Teufel sage ich [ ... ] was für einen Dreck ziehn sie da über die Leinwand! Eine Schmach ist das für die Kunst, eine Schmach für die Welt, die einen Shakespeare hat und einen Goethe! Erst kam da so ein farbiger Blödsinn mit bunten Viechern - na, da sag ich noch nichts, das macht vielleicht Kindern Spaß und tut niemandem Schaden. Aber dann machen sie einen "Romeo und Julia", und das sollte verboten sein, verboten im Namen der Kunst! Wie das nur klingt, die Verse, als ob sie einer aus einem Ofenrohr quäkte, die heiligen Verse Shakespeares, und wie das verzuckert ist und verkitscht! Aufgesprungen wäre ich und davongelaufen, wenn's nicht wegen dem Herrn Grafen gewesen wär', der mich eingeladen hatte. So einen Dreck, so einen Dreck zu machen aus dem lautersten Gold! Und unsereins muss leben in so einer Zeit!"

 

Aus der Erzählung: Die spät bezahlte Schuld

 Mai 2013


"Je mehr sich einer begrenzt, umso mehr ist er andererseits dem Unendlichen nahe. Gerade solche scheinbar Weltabseitigen bauen in ihrer besonderen Materie sich termitenhaft eine merkwürdige und durchaus einmalige Abbreviatur der Welt."


Aus der Novelle: Die Schachnovelle

Februar 2015

Hermann Hesse

Hermann Hesse (1877-1962) / Quelle: Wikimedia Commons
Hermann Hesse (1877-1962) / Quelle: Wikimedia Commons

"Es ist eben in der Theologie nicht anders als anderwärts. Es gibt eine Theologie, die ist Kunst, und eine andere, die ist Wissenschaft, oder bestrebt sich wenigstens, es zu sein. Das war vor alters so wie heute, und immer haben die Wissenschaftlichen über den neuen Schläuchen den alten Wein versäumt, indes die Künstler, sorglos bei manchem äußerlichen Irrtum verharrend, Tröster und Freudenbringer für viele gewesen sind. Es ist der alte, ungleiche Kampf zwischen Kritik und Schöpfung, Wissenschaft und Kunst, wobei jene immer recht hat, ohne dass jemandem damit gedient wäre, diese aber immer wieder den Samen des Glaubens, der Liebe, des Trostes und der Schönheit und Ewigkeitsahnung hinauswirft und immer wieder guten Boden findet. Denn das Leben ist stärker als der Tod, und der Glaube ist mächtiger als der Zweifel." 

 

Aus: Unterm Rad

 

"Die Dinge, die wir sehen", sagte Pistorius leise, "sind dieselben Dinge, die in uns sind. Es gibt keine Wirklichkeit als die, die wir in uns haben. Darum leben die meisten Menschen so unwirklich, weil sie die Bilder außerhalb für das Wirkliche halten und ihre eigene Welt in sich gar nicht zu Worte kommen lassen. Man kann glücklich dabei sein. Aber wenn man einmal das andere weiß, dann hat man die Wahl nicht mehr, den Weg der meisten zu gehen."

 

Aus: Demian

 

März 2013

Robert Musil

Robert Musil (1880-1942) / Quelle: Wikimedia Commons
Robert Musil (1880-1942) / Quelle: Wikimedia Commons

"Könnte man die Sprünge der Aufmerksamkeit messen, die Leistungen der Augenmuskeln, die Pendelbewegungen der Seele und alle die Anstrengungen, die ein Mensch vollbringen muss, um sich im Fluss einer Straße aufrecht zu halten, es käme vermutlich [...] eine Größe heraus, mit der verglichen die Kraft, die Atlas braucht, um die Welt zu stemmen, gering ist, und man könnte ermessen , welche ungeheure Leistung heute schon ein Mensch vollbringt, der gar nichts tut."

 

 

"So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebenso gut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist.  [...] Solche Möglichkeitsmenschen leben, wie man sagt, in einem feineren Gespinst von Dunst, Einbildung, Träumerei und Konjunktiven. [...] Wenn man sie loben will, nennt man diese Narren auch Idealisten ..."

 

 

"Diotima machte die Erfahrung, dass sich auch die berühmten Gäste an ihren Abenden immer paarweise unterhielten, weil ein Mensch schon damals höchstens noch mit einem zweiten Menschen sachlich und vernünftig sprechen konnte, und sie konnte es eigentlich mit keinem. Damit hatte Diotima aber an sich das bekannte Leiden des zeitgenössischen Menschen entdeckt, das man Zivilisation nennt. Es ist ein hinderlicher Zustand, voll von Seife, drahtlosen Wellen, der anmaßenden Zeichensprache mathematischer und chemischer Formeln, Nationalökonomie, experimenteller Forschung und der Unfähigkeit zu einem einfachen, aber gehobenen Beisammensein der Menschen."

 

 

"Sie las in ihrem Leiden viel und entdeckte, dass ihr etwas verloren gegangen war, von dessen Besitz sie vordem nicht viel gewusst hatte: eine Seele.

Was ist das? - Es ist negativ leicht bestimmt: es ist eben das, was sich verkriecht, wenn man von algebraischen Reihen hört.

Aber positiv? Es scheint, dass es sich da allen Bemühungen, die es fassen wollen, erfolgreich entzieht. Es mag sein, dass einstmals etwas Ursprüngliches in Diotima gewesen war, eine ahnungsvolle Empfindsamkeit, damals eingerollt in das dünngebürstete Kleid ihrer Korrektheit, was sie jetzt Seele nannte und in der gebatikten Metaphysik Maeterlincks wiederfand, in Novalis, vor allem aber in der namenlosen Welle von Dünnromantik und Gottessehnsucht, die das Maschinenzeitalter als Äußerung des geistigen und künstlerischen Protestes gegen sich selbst eine Weile lang ausgespritzt hat."

 

Aus: Der Mann ohne Eigenschaften

 

Februar 2013

"Er war kein Philosoph. Philosophen sind Gewalttäter, die keine Armee zur Verfügung haben und sich deshalb die Welt in der Weise unterwerfen, dass sie sie in ein System sperren. Wahrscheinlich ist das auch der Grund dafür, dass es in den Zeiten der Tyrannis große philosophische Naturen gegeben hat, während es in den Zeiten der fortgeschrittenen Zivilisation und Demokratie nicht gelingt, eine überzeugende Philosophie hervorzubringen, wenigstens soweit sich das nach dem Bedauern beurteilen lässt, das man allgemein darüber äußern hört- ..."

 

Immer noch aus: Der Mann ohne Eigenschaften

 

Oktober 2013

 

Emile Zola

Emile Zola (1840-1902) / Quelle: Wikimedia Commons
Emile Zola (1840-1902) / Quelle: Wikimedia Commons

"Hier war der große Fleischmarkt, der Männerfang am helllichten Tag, hier gingen die stadtbekannten und berühmten Huren auf den Strich und spreizten sich im duldsamen Lächeln und im glanzvollen Luxus von Paris. [...] Zuweilen brachte ihr Landauer, wenn er vorbeifuhr, eine lange Reihe von fürstlichen Kaleschen zu stehen, Finanzleute, die ganz Europa in ihrer Kasse hatten, Minister, deren fleischige Finger Frankreich die Kehle zudrückten.

Und sie gehörte zu dieser Gesellschaft des Bois, sie nahm darin einen beachtlichen Platz ein; man kannte sie in allen Hauptstädten, alle Fremden fragten nach ihr, sie fügte dem Glanz der geputzten Menge den grellen, protzigen Aufwand ihres Dirnengeschmacks hinzu, wie der fleisch-gewordene Ruhm und die lustvolle Augenweide einer ganzen Nation."

 

"Unter unaufhörlichem Lachen und hingerissen von Respektlosigkeit vor Größe jeder Art, von einer wilden Schadenfreude, ihn in seiner prunkvollen Amtstracht schandbar zu piesacken, zauste, schüttelte und kniff sie ihn und warf ab und zu ein herrisches "Na, so lauf doch schon, Kammerherr!" hin, das sie schließlich mit weitausholenden Fußtritten begleitete. Und diese Fußtritte galten ebenso sehr von ganzem Herzen den Tuilerien, der Majestät des kaiserlichen Hofes, die hoch oben über der Furcht und der kriechenden Unterwürfigkeit des ganzen Volkes thronte. So, das hielt sie von der Gesellschaft! Das war ihre Vergeltung, ein unbewusster, eingefleischter Groll, den sie mit ihrem Blut ererbt hatte."

 

Aus: Nana

Januar 2013

Gustave Flaubert

Gustave Flaubert (1821-1880) / Quelle: Wikimedia Commons
Gustave Flaubert (1821-1880) / Quelle: Wikimedia Commons

"In den Gedanken ist mehr Wirklichkeit als in den Dingen."

 

 

Vor der Heirat hatte sie geglaubt, ihn zu lieben. Aber da das Glück, das aus dieser Liebe kommen sollte, nicht gekommen war, so sagte sie sich, sie müsse sich ja wohl getäuscht haben. Und sie grübelte darüber nach, was man denn nun eigentlich im wirklichen Leben unter den Worten >Glückseligkeit<, >Leidenschaft<, >Liebestrunkenheit< verstünde, die ihr in den Büchern so oft erschienen waren.

 

Karls Unterhaltung war platt wie ein Straßen-pflaster, und Allerweltsgedanken in Alltags-kleidern bewegten sich darauf herum, weder zu einer Entgegnung noch einem Lachen oder zum Nachdenken anregend. […] Er konnte weder schwimmen noch fechten noch Pistoleschießen, und als Emma ihn eines Tages bat, ihr einen Ausdruck aus der Reitersprache zu erklären, auf den sie in einem Roman gestoßen war, konnte er auch das nicht einmal.

 

Aus: Madame Bovary

Juni 2012

Honoré de Balzac 

Honore de Balzac (1799-1850) / Quelle: Wikimedia Commons
Honore de Balzac (1799-1850) / Quelle: Wikimedia Commons

"Die Hoffnung ist die Blüte des Wunsches, der Glaube die Frucht der Gewissheit."

 

 

 

„Unser Herz ist eine Schatzkammer, entleeren wir sie auf einmal ganz, so sind wir zugrunde gerichtet. Wir verzeihen ebenso wenig einem Gefühl, dass es sich offen und nackt gezeigt hat, als einem Manne, dass er keinen Sou besitzt.“

 

„Der Tugend treu sein, erhabenes Martyrium! Pah! Alle Welt glaubt an die Tugend; doch wer ist tugendhaft? Die Völker haben sich die Freiheit zum Ideal gesetzt; wo aber auf der ganzen Welt gibt es ein freies Volk?“

 

„Meine Jugend ist noch hell wie ein wolkenloser Himmel; doch groß und reich werden wollen, heißt das nicht, sich vornehmen zu lügen, zu kriechen, zu heucheln und zu betrügen? Heißt das nicht, sich willig zum Knecht derer zu machen, die gelogen, gekrochen und betrogen haben?“

 

Aus: Vater Goriot

 

 

„So hören sie es denn“, erwiderte Lousteau, „dieser Kampf wird nie zur Ruhe kommen, wenn Sie Talent haben; denn Ihre beste Chance wäre, keins zu haben. Ihr strenges Gewissen, das heute rein ist, wird sich vor denen beugen, in deren Händen Ihr Erfolg ruht …“

 

„Armer Jüngling! Sie wollen schöne Werke schreiben und schöpfen aus Ihrem Herzen die Zärtlichkeit, das Mark, die Energie, lassen das alles durch Ihre Feder gehen und breiten es als Leidenschaft, als Empfindung, als schöne Sätze aus! Ja, Sie schreiben, statt zu handeln, Sie siegen, statt zu kämpfen, Sie lieben, Sie hassen, Sie leben in Ihren Büchern; aber wenn Sie Ihren ganzen Reichtum Ihrem Stil gegeben haben, wenn Sie Ihr Gold und Ihren Purpur für Ihre Gestalten verschwendet haben, wenn Sie in Lumpen durch die Straßen von Paris gehen … wenn Sie mit dieser Schöpfung Ihr Leben und Ihren Magen verdorben haben, dann müssen Sie erleben, wie sie von den Journalisten in den Lagunen des Totschweigens verleumdet, verraten, verkauft und verstoßen, wie sie von Ihren besten Freunden begraben wird.“

 

Aus: Verlorene Illusionen

Juni 2012

Guy de Maupassant 

Guy de Maupassant (1850-1893) / Quelle: Wikimedia Commons
Guy de Maupassant (1850-1893) / Quelle: Wikimedia Commons

"Es sind die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen."

  

 

"Wie auch immer die Liebe den einen mit dem anderen verschmilzt, Mann und Frau bleiben sich immer in Geist und Seele fremd, sie leben ständig im Kriegszustand, weil sie verschiedener Natur sind. Immer gibt es einen Bändiger und einen Gebändigten."

  

"Liebe muss, wenn sie echt sein soll, das Herz entfesseln, alle Nerven zum Zerreißen spannen und den Verstand verwirren."

 

Aus der Novelle: Das Holzscheit

 

 

"Auch ich bin ein Freidenker, ich meine einer, der gegen alle Dogmen aufbegehrt, die aus der Furcht vor dem Tode entstanden sind, aber ich renne nicht gleich an gegen Tempel, seien sie nun katholisch, apostolisch, römisch, protestantisch, russisch- oder griechisch-orthodox, buddhistisch, jüdisch oder muselmanisch oder sonstwas. Ich habe da meine eigene Art, sie zu betrachten und sie mir zu erklären: sind sie doch im Grunde nichts anderes als Stätten der Ehrfucht vor dem Unbekannten."

 

"Er (mein Onkel) war Patriot, ich war keiner, weil ich glaube, dass Patriotismus auch nichts anderes als eine Religion ist, ja er ist die Ursache aller Kriege."

 

Aus der Novelle: Mein Onkel Sosthène

 

 

Eine Weile schwiegen die beiden Männer. Dann äußerte Duroy, um überhaupt etwas zu sagen: „Dieser Laroche-Mathieu scheint mir ein sehr intelligenter und unterrichteter Mann zu sein.“

Der alte Dichter murmelte: „Meinen Sie?“

Der junge Mann zögerte einigermaßen überrascht: „Gewiss. Er gilt doch auch in der Kammer als einer der Tüchtigsten.“

„Möglich. Im Land der Blinden ist der Einäugige König. Alle diese Leute, müssen Sie wissen, sind durchweg Mittelmäßigkeiten, weil ihr Geist zwischen zwei Scheuklappen steckt, Geld und Politik. Sie sind zumeist aufgeblasene Hohlköpfe, mit denen man unmöglich über Dinge sprechen kann, die unsereinem am Herzen liegen. Ihr Geist ist versumpft, voll Unrat wie die Seine bei Asnieres. Ach, es ist fast unmöglich, einen Menschen zu finden, der in größeren Perspektiven denkt, bei dem man den Atem der Weite spürt, wie draußen am Meeresstrand! Einige habe ich gekannt, die so waren, aber sie sind tot.“

 

Aus: Bel ami

Mai 2012

Marcel Proust 

Marcel Proust (1871-1922) / Quelle: Wikimedia Commons
Marcel Proust (1871-1922) / Quelle: Wikimedia Commons

"Da im Übrigen die geistigen Überzeugungen seiner Jugend schwächer geworden waren und seine weltmännische Skepsis bis zu ihnen drang, meinte er (…), dass die Dinge, die uns gefallen, nicht in sich selbst einen absoluten Wert tragen, sondern, dass alles Sache der Epoche, der Klasse und der wechselnden Moden sei (...)"

 

Aus: Eine Liebe Swanns / Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 2

 

"Das Bedürfnis zu sprechen hindert nicht nur am Hören, sondern auch am Sehen."

 

"Das Leben selbst führt uns nach und nach, von Fall zu Fall, zu der Wahrnehmung, dass alles das, was  für unser Herz oder für unseren Geist das Allerwichtigste ist, uns nicht durch vernunftmäßige Überlegung zuteil wird, sondern durch andere Mächte."

 

Aus: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Bde. 1-3

 

April 2012

Sämtliche Autorenbilder stammen aus dem freien Medienarchiv Wikimedia Commons. Die von mir ausgewählten Bilder sind gemeinfrei, weil das Urheberrecht abgelaufen ist oder die Autoren unbekannt sind. - alp